"Her Reformed Rake" ist der dritte Teil einer sechsbändigen Reihe. Das war mein erstes Werk der Autorin und der Einstieg in die Serie war problemlos möglich.
Zum Inhalt:
Daisy Vanreid muss dringend einen Ehemann finden, um ihrem gewalttätigen Vater zu entfliehen. Zugleich wird Sebastian aus ermittlungstaktischen Gründen von seinen Vorgesetzten zu einer Ehe mit Miss Vanreid genötigt, da ihr Vater der Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung verdächtigt wird und Daisy da wohl auch mit drin hängt. Natürlich entwickeln sich nach der Hochzeit unerwartete Gefühle, während im Hintergrund die Gefahr lauert ...
Scarlett Scott bietet mit ihrem historischen Liebesroman im Großen und Ganzen kurzweilige Unterhaltung. Ein bisschen Historie, ein bisschen Gefühl, ein bisschen Spannung; eine akzeptable Mischung, die ich allerdings nicht unbedingt ein zweites Mal lesen muss.
Was mich sehr gestört hat, war das Verhalten des Protagonisten. So reagiert Sebastian extrem pikiert auf die unschuldige Andeutung seiner jungen frischgebackenen Ehefrau, er habe noch keine sexuelle Erfahrung. Dabei lässt er noch folgenden Spruch fallen: "Ja, aber ich wage zu behaupten, dass das kein angemessenes Gesprächsthema zwischen Ehemann und Ehefrau ist. In der Ehe ist es am besten, die Vergangenheit dort zu belassen, wo sie ist." Abgesehen davon, dass ich Sebastian absolut nicht zustimme, gibt es angesichts seiner Motive für die Eheschließung wohl keinen unpassenderen Satz und ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass der blöde Spruch ihm auf die Füße fällt. (SPOILER: Ist leider nicht passiert.)
Des Weiteren scheint es sich bei Sebastian um eine sehr eifersüchtige Person zu handeln. Als Gerüchte aufkommen, Daisy habe eine Affäre - eine Situation, an der Sebastian, nebenbei bemerkt, nicht ganz unschuldig ist - stellt er sie recht aggressiv zur Rede. Ich gebe gerne zu, dass ich die Szene nur quergelesen habe, weil ich sie als extrem unangenehm empfand, vor allem mit dem Wissen (das er auch hat), dass Daisy jahrelang physisch missbraucht wurde. Und jemand, der sich so benimmt, soll der "Held" der Erzählung sein?
Gut, am Ende sieht Sebastian ein, dass er einen Fehler gemacht hat, aber eine tiefere und umfangreichere Reflexion hätte nicht geschadet.
Das englische Original stammt aus dem Jahr 2018. Es aus meiner Sicht im Hinblick auf genderstereotypisches Verhalten und Verhalten in Beziehungen nicht gut gealtert.
Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass es sich um einen Roman in einem historischen Setting handelt. Allerdings erwarte ich bei solchen historischen Liebesromanen keine wirkliche historische Authentizität. Ich möchte genug Historie, um die Illusion der Atmosphäre vergangener Zeiten aufrecht zu erhalten, aber nicht so viel, als dass ich meine modernen Ansichten über akzeptables Verhalten (der Protagonisten und Protagonistinnen) über Bord werfen müsste. Alles andere nimmt mir den Spaß am Lesen.
Zu den Formalia:
Ich habe einige Flüchtigkeitsfehler gefunden, zum Beispiel "dDeine [sic!]" oder Großbuchstaben am Wortende. Da jedes Rechtschreibprogramm solche Fehler finden müsste, haben die im Text nichts verloren.
Nerviger war allerdings das Fehlen eines optischen Signals bei einem Szenenwechsel innerhalb eines Kapitels. Klassischerweise wird dieser durch eine freie Zeile gekennzeichnet, manchmal wird noch ein hübsches Symbol oder Ähnliches eingefügt. Das E-Book war hier nun so formatiert, dass nach jedem Absatz (also auch innerhalb einer Szene) eine Zeile frei gelassen wurde. Somit hob sich der Wechsel eine Szene nicht mehr optisch vom Fließtext ab, was beim Lesen teilweise für einige Verwirrung gesorgt hat.
Flüchtigkeitsfehler und unglückliche Formatierung sind Dinge, über die ich bei selbst verlegten E-Books für 4 oder 5 Euro hinwegsehen kann. Der vorliegende Roman wurde aber als E-Book only für 10 Euro (!!) von MORE veröffentlicht, die zu den namhaften Aufbau-Verlagen gehören. Daher erwarte ich, dass Leute daran beiteiligt sind, die wissen, was zu tun und worauf zu achten ist. Anscheinend war das hier nicht der Fall.
Fazit:
"Her Reformed Rake" bietet kurzweilige Unterhaltung und einen Protagonisten, der sich mal daneben benimmt, was aber leider nicht unbedingt eingeordnet wird. Kann man / frau lesen, muss man / frau aber nicht. Da gibt es sicher bessere Romane.
Inhaltlich ziehe 1,5 bis 2 Sterne ab; dasselbe gilt für die Formalia, sodass ich am Ende im Mittel bei einer Bewertung von 1,5 Sternen, gerundet 2 Sterne, herauskomme.
Ich bin sehr froh, dass ich das Buch im Rahmen einer befristeten Preissenkung des Verlags nur 4,99 Euro bezahlt habe. 10 Euro wären mir zu viel gewesen.
Ich hatte noch ein, zwei andere Bücher aus der derselben Reihe im Auge, aber ich werde darauf wohl erst einmal verzichten. Das eine hat mir gereicht und wie gesagt: Es gibt Besseres.