
»Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken«, appelliert Björn Höcke an den deutschen Mann. Mit dieser Forderung ist der AfD-Politiker nicht allein: Von Neuseeland bis Kanada, von Brasilien bis Polen vernetzen sich Rechtspopulisten, sogenannte »Incels«, aber auch christliche Abtreibungsgegner unter dem Banner der Männlichkeit, um Frauen auf einen nachrangigen Platz in einer angeblich natürlichen Hierarchie zurückzuverweisen.
Susanne Kaiser bietet einen kompakten Überblick über die Geschichte und das Programm dieser Bewegung. Sie wertet Diskussionen in der »Mannosphäre« aus, zeigt internationale Verbindungen auf und fragt, warum rechte Mobilisierung überall auf der Welt gerade über die Themen Gender Studies, LGBT-Rechte und Geschlechterrollen funktioniert.
Besprechung vom 04.05.2026
Im Kampf gegen die Trolle
Reale Fälle von Cybermobbing und Behördenversagen liefern die Vorlage: Susanne Kaisers Roman "Witch Hunt" offenbart eine gesellschaftspolitische Dringlichkeit, wie sie in der deutschsprachigen Kriminalliteratur selten ist.
Ein nicht zu unterschätzendes Talent von Susanne Kaiser ist ihr Timing: In ihrem Debüt "Riot Girl" lösen feministische Aktivistinnen bei einem Konzert von Taylor Swift in München mit ihrem rhythmischen Stampfen ein Erdbeben aus.
Der Nachfolger "Witch Hunt" ist ebenfalls ans aktuelle Zeitgeschehen gekoppelt: Diesmal werden Frauen aus Politik, Justiz und Wirtschaft Opfer konzertierter Schmierkampagnen im Netz; Hasskommentare, Veröffentlichung personenbezogener Daten und Deepfake-Pornographie inklusive.
Das Buch ist einen Monat nach Bekanntwerden des Falls Fernandes/Ulmen erschienen, tatsächlich recherchiert Susanne Kaiser aber schon seit Jahren als Journalistin zu physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen, hat sich dafür anonym auf den digitalen Marktplätzen der Mannosphäre bewegt und darüber 2021 den Band "Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen" veröffentlicht.
Für die Romane fließen diese Erfahrungen nun in ihre Protagonistin Obalski ein, die in der Sondereinheit Doppel-X des Bayerischen Landeskriminalamts verdeckt ermittelt. In "Witch Hunt" untersucht sie den Fall der Münchner Landtagsabgeordneten Deniz Yanar, gegen die nicht nur die Trolle im Netz einen immer schärferen Tonfall anschlagen, sondern für die auch ernst zu nehmende Drohungen gegen Leib und Leben vorliegen. Das LKA schickt zwei Personenschützer, doch weil Hinweise auf undichte Stellen in Yanars eigenem Team hindeuten, braucht es auch eine Undercover-Agentin.
Obalski wird als neue Social-Media-Beraterin im Büro platziert und versucht sich in kürzester Zeit das Vertrauen der Abgeordneten und Einsicht in deren interne Kommunikation zu erarbeiten. Unterdessen wächst der Druck von außen: Bei der feierlichen Eröffnung eines Fahrradwegs wird auf Yanar geschossen, und bald gerät auch Obalski selbst ins Fadenkreuz. Wer schon Susanne Kaisers Debüt mochte, bekommt in "Witch Hunt" mehr vom Bewährten: Ihre schnörkellose Sprache, präzis-pragmatische Sätze im Präsens, eingebettet in eine straffe Erzählstruktur, in der je ein Kapitel einen Tag der Ermittlungen abdeckt. Einen Fall, für den es die Denkweisen, Sprachcodes und Strategien spezifischer Gruppierungen zu entschlüsseln gilt. Aber auch unverhohlene Sympathie für die gelebte Liberalitas Bavariae der Münchner Sommer und - das vor allem - eine faszinierende Ermittlerin.
Obalski verschweigt auch im neuen Band ihren wahren Vornamen hartnäckig, denn: "Als Frau wird man schnell darauf reduziert." Sie ist eine einsame Wölfin, die mit Vorliebe zu unorthodoxen Methoden greift und für ihre Alleingänge hohe persönliche Risiken in Kauf nimmt. In ruhigen Momenten überfallen sie kurze Flashbacks in ihre Kindheit, geben Einblicke in die familiäre Vorbelastung mit einer manipulativen Mutter. Dass sie schon früh selbst im engsten Umfeld in den Überlebensmodus schalten musste, hat Obalski zu einer exzellenten Beobachterin gemacht.
Wie ein auf menschliche Verhaltensmuster spezialisierter David Attenborough analysiert sie Blickstrukturen, Tonfälle, Körperhaltungen, etwa bei Yanar im Gespräch mit einem Kollegen: "Sie blickt ihm nicht in die Augen, sondern auf Stirn und Haar, obwohl sie dafür den Kopf in den Nacken legen muss. Eine absichtliche Dominanzgeste, schätzt Obalski, wohldosiert eingesetzt. Nicht weil Yanar ein dominanter Mensch ist, sondern weil sie denkt, es sein zu müssen. Wie sie ungerührt weiterredet, aber leiser und betonter, wenn ihr Gegenüber ihr laut ins Wort fällt. Und vernehmlich Luft ausstößt, wenn sie nicht einverstanden ist. Yanar ist eine Kämpferin, hart zu sich und zu anderen."
Als selbsterklärte Feministin, als Quereinsteigerin mit einer Studienfachkombination aus Kriminalistik und Gender Studies kann Obalski die Forderungen der Aktivistinnen in "Riot Girl" genauso nachvollziehen wie in "Witch Hunt" Yanars Hin- und Hergerissensein zwischen Verfolgungsangst und Trotz: Auf keinen Fall will sie gegenüber den Trollen klein beigeben. Die empathische Haltung und den unbedingten Willen, die Macht der Täter zu brechen, dürfte Obalski mit ihrer Schöpferin teilen - jedenfalls spricht eine Dringlichkeit aus Kaisers Romanen, die in der deutschsprachigen Kriminalliteratur eher selten anzutreffen ist.
So lässt sie Obalski Gespräche mit einem Kulturwissenschaftler führen, der Linien von der historischen Hexenverfolgung bis zum heutigen Cybermobbing zieht, dolmetscht Incel-Vokabular und schlägt Brücken zu realen Fällen wie dem Mord an Walter Lübcke oder dem Behördenversagen beim Drachenlord, die zeigen, dass die biologistische Ideologie der Mannosphäre bei Gewalt gegen Frauen keinen Halt macht. Auch ein PDF-Dokument mit dem Titel "Handbuch des Hasses", auf das Obalski bei ihren Recherchen stößt, existiert wirklich. Es ist eine über Foren in Umlauf gebrachte Anleitung zur Verbreitung von Hassrede, nach deren Vorgaben etwa die Gegner der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr vorgingen.
"Witch Hunt" ist ein Aufschrei, der sich direkt aus den Abgründen dieser potentiell tödlichen Realität erhebt und ihr mehr Sichtbarkeit im gesellschaftlichen Mainstream verleiht. KATRIN DOERKSEN
Susanne Kaiser: "Witch Hunt". Obalskis zweiter Fall. Kriminalroman.
Rowohlt Wunderlich Verlag, Hamburg 2026. 400 S., geb.
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