Wer mich kennt, weiß: Mein Herz schlägt für Fantasy voller politischer Ränkespiele, mächtiger Handelshäuser und gnadenloser Intrigen. Doch was die echte Geschichte her gibt, stellt so manches erfundene Imperium mühelos in den Schatten. Der Schritt vom Fiktion zu Realität lag für mich also extrem nahe. William Dalrymple zeichnet diesen beispiellosen Aufstieg eines gierigen Konzerns verdammt präzise nach. Richtig gut fand ich, dass hier mehrer Perspektiven Raum bekommen und das gibt dem Ganzen schließlich eine ganz andere Tiefe.Man muss sich allerdings klarmachen: Das liest man nicht mal eben entspannt nebenbei weg. Wer sonst eher selten zu historischen Sachbüchern greift, könnte sich hier schnell erschlagen fühlen. Es ist definitiv kein Buch für den lockeren Einstieg. Man braucht Sitzfleisch und muss sich wirklich darauf einlassen wollen. Dalrymple verliert sich stellenweise in einem immensen Detailreichtum und begleitet einzelne Akteure so akribisch bei jedem Schachzug, dass es mir streckenweise schlicht etwas zu viel wurde. Gerade Robert Clive, Warren Hastings und Shah Alam II rücken mir dabei zeitweise etwas zu sehr in den Vordergrund und bremsen die Dynamik.Wer sich für diesen Geschichtsabschnitt interessiert und kein Problem mit figurenfokussierten Längen hat, bekommt am Ende aber einen extrem spannenden Blick darauf, wie aus reiner Gier Weltpolitik wurde.