
Besprechung vom 28.12.2025
Im Haus des Liebhabers
Ein Skandal, nicht nur nach damaligen Maßstäben: Auf Marguerite Duras' Spuren am Mekong
Eine Fähre überquert den Mekong. Ich bin fünfzehneinhalb, es gibt keine Jahreszeiten in diesem Land, wir leben in einer einzigen heißen, eintönigen Jahreszeit, wir leben in der langen tropischen Zone der Erde, kein Frühling, keine Wiederkehr."
Die Ich-Erzählerin in Marguerite Duras' 1984 erschienenem und preisgekröntem Roman "Der Liebhaber" träumt sich zurück in ihre Jugend in Indochina in den Dreißigerjahren, erinnert sich an die qualvolle Enge in der vaterlosen Familie, an die verhängnisvolle Beziehung ihrer Brüder zueinander und an ihre manisch-depressive Mutter. Und an ihre große Liebe. Jene Weltliteratur gewordene Amour fou nahm ihren Anfang auf einer Fähre. Die Mutter der Autorin arbeitet in den 1930er Jahren, als Indochina eine französische Kolonie ist, in dem kleinen Flecken Sa Dec im Mekong-Delta. Der Liebhaber, ein chinesischer Millionärssohn, "mehr als doppelt so alt", wohnt ebendort in einer großen Villa.
Die junge Heldin nimmt die Fähre auf dem Weg in das Mädchenpensionat in Saigon. Sie trägt ein altes, tief ausgeschnittenes und fast durchsichtiges Kleid von der Mutter, einen Ledergürtel um die Hüfte, Schuhe mit hohen Absätzen und einen Herrenhut mit flacher Krempe. Der Chinese lädt sie in sein Auto ein. Die Stromerfahrung wird zur erotischen Metapher. Das Mädchen fürchtet, die Strömung könne so stark werden, dass die Taue reißen und die Fähre abtreibt.
Und so kommt es. Als der Chinese die junge Frau bittet mitzukommen, willigt sie ein, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Beim ersten Mal registriert sie, dass er zittert, und nimmt seine Liebeserklärung ein wenig belustigt entgegen. Es gefällt ihr. Sie fordert ihn auf, das mit ihm zu tun, was er auch mit anderen Frauen tue, woraufhin er ihr die Kleider vom Leib reißt und sie nackt ins Bett trägt.
Das Elternhaus des Liebhabers in Sa Dec ist heute eine Touristenattraktion, die von Mekong-Flusskreuzfahrtschiffen angesteuert wird. Man muss vom Schiff auf ein Sampan, ein flaches Holzboot, umsteigen, um an Land zu kommen. Das Haus - synkretistisch chinesisch-französischer Kolonialstil - wurde von einem chinesischen Händler im Jahr 1895 erbaut. 1917 wurde es restauriert. 1972 starb der Hausbesitzer Huynh Thuy Le. Seine Frau und Kinder gingen danach ins Ausland und ließen das Haus leer stehen. Huynh Thuy Le ist der "Liebhaber", der mit seiner chinesischen Frau in einer vom Vater arrangierten Ehe fünf Kinder hatte.
Erst seit 2007 ist das Haus in Sa Dec für Besucher geöffnet. Viele von ihnen werden die Liebesgeschichte der Duras kennen. Mehr noch werden die Verfilmung des Romans von Jean-Jacques Annaut aus dem Jahr 1991 gesehen haben. In Vietnam sind das Buch und der in Vietnam gedrehte Film von der Zensur verboten. Sexuelle Beziehungen zwischen einer 15-Jährigen und einem deutlich älteren Mann (in Wirklichkeit war er acht Jahre älter) gelten heute als anstößig und sind verboten, außerdem können sie für den Erwachsenen schwere strafrechtliche Konsequenzen haben. Die Darstellung kolonialer Macht- und Unterwerfungsverhältnisse passt nicht ins nationale Selbstverständnis im Land des flexiblen Kommunismus.
Nicht weit davon entfernt ist die Kritik westlicher Feministinnen, die Duras postum der Verherrlichung des "Groomings" bezichtigen: der gezielten Anbahnung und Manipulation eines minderjährigen Mädchens durch eine erwachsene Person mit dem Ziel, ein sexuelles Verhältnis aufzubauen. Grooming ist heutzutage in den meisten Ländern strafbar. Dass der Liebhaber sein Opfer finanziert und seine Armut ausnutzt, macht aus feministischer Sicht alles nur noch schlimmer. Für den verführerischen Auftritt des Mädchens gibt es keine mildernden Umstände.
Tuyen, unsere Führerin im Haus des Liebhabers, hat das Buch genau studiert und den Film sozusagen aus professionellen Gründen zweimal angeschaut, zusammen mit ihrem Mann, wie sie uns erzählt. Sie spricht nicht nur gut Englisch, sondern auch französisch für die vielen Duras-Touristen, die aus Frankreich an den Mekong kommen. Der Roman sei seiner Verfilmung überlegen, sagt sie, weil er der Imagination größere Freiheit lasse. Kopfkino schlägt reales Kino.
Dass das Haus in Sa Dec gar nicht der Ort ihrer verbotenen Liebe ist, dass das Liebesnest der beiden in Saigon längst einer Stadtteilmodernisierung zum Opfer fiel, tut dem Zauber keinen Abbruch. Noch nicht einmal die Begegnung mit dem vom Opium geschwächten alten Vater des Liebhabers wurde in den echten Räumen gefilmt, weil die Villa 1991 noch als Polizeistation diente.
Rainer Hank
Weitere Infos unter vemekong.com/huynh-thuy-le-ancient-house-sadec
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