Das Hörbuch, dankenswerterweise von NetGalley zur Verfügung gestellt, beinhaltet die Geschichte des unmittelbaren Nachkriegsdeutschlands. In der Lüneburger Heide haben nicht nur die Eltern der Autorin gelebt, sondern auch eine Zeit lang Adolf Eichmann. Diese Tatsache und wie die Menschen mit dem Thema NS-Vergangenheit kurz nach dem Krieg umgegangen sind, hat mich interessiert.
Schon so viel wurde und wird dazu geschrieben, und ich wollte wissen, wie die Menschen damals dachten, wie sie mit der Vergangenheit abrechneten und wie sie auf die Kriegsverbrecher reagierten. Was sie dazu zu sagen hatten.
Anja Jonuleit hat die Bewohner der um Celle liegenden Bauerndörfer - die Kinder und Erwachsenen - in der damaligen Zeit und im Heute in ihrem Roman/Hörbuch fiktiv und real agieren lassen. Im Nachwort erklärt sie das genauer.
Helga - eine arbeitslose Journalistin - bewirbt sich bei der Kreisbauernschaft, um eine Chronik zu verfassen. Sie bekommt die Chance und merkt bald nach hartem Kampf mit sich und gegen die Obrigkeit, dass manche Nachfragen nicht gerade freudig aufgenommen werden. Statt Wertschätzung schlagen ihr, nachdem sie einige braune Machenschaften aufgedeckt hat, Ablehnung und sogar Hass mit Drohungen entgegen.
Das Hörbuch folgt dem Schema Gegenwart und Rückblenden, indem es drei Sprecherinnen engagiert hat: Ruth Reinecke, Tessa Mittelstaedt und Monika Oschek. Das ist eine gute Idee, denn vor allem die Zwei, die die Abschnitte mit den Kindern und den älteren Erwachsenen vorlesen, kann man gut nachempfinden und erkennen. Die Sprecherinnen legen alle drei ihr Herz und Gefühle in das Lesen.
Ansonsten dauert es eine Weile und ein paar Sätze, ehe man sich wieder zurechtfindet und in der richtigen Zeit ist.
Die Handlung springt hin und her, es werden viele Andeutungen gemacht, und es dauert ewig - mit zahllosen sprachlichen Metaphern und Beschreibungen der Umwelt - Wind, Regen, Wald, Geräusche - , ehe die Autorin oder die Person zur Sache kommt. Und das nimmt der Handlung die Brisanz. Als wäre alles nicht mehr so wichtig.
Die sprachlichen Vergleiche sind schön, werden aber zu häufig eingesetzt, ist doch diese Zeit eher nüchtern und vom harten Überlebenskampf und Aufbau geprägt gewesen. Da passt das nicht so recht. Ich hätte mir auch noch mehr Meinungen, Äußerungen, Stellungnahmen zu den Ungeheuerlichkeiten gewünscht. Das kommt zu kurz. Denn es gibt viele ältere Menschen, die heutzutage schon gar nicht mehr darüber reden wollen. Und es gibt auch nicht mehr viele. Auch deswegen ist dieses Hörbuch gut für die junge Generation geeignet, zumal viele Jugendliche mit EarPods herumlaufen. :)