Unter Wasser erzählt nicht einfach von einer Naturkatastrophe. Es erzählt davon, was passiert, wenn ein Mensch überlebt aber ein Teil von ihm für immer in diesem einen Moment zurückbleibt.
Marissa ist sechs Jahre alt, als ihre Mutter stirbt. Ihr Vater, ein Meeresbiologe, zieht daraufhin mit ihr nach Thailand, um dort die Arbeit ihrer Mutter fortzuführen. Dort begegnet Marissa Arielle und zwischen den beiden entsteht eine Freundschaft, die sich fast schicksalhaft anfühlt. Zwei Mädchen, die gemeinsam aufwachsen, tauchen lernen, die Riffe entdecken, Mantas beobachten und sich in einer Welt bewegen, die genauso magisch wie zerbrechlich ist.
Dann kommt der 26. Dezember 2004. Der Tsunami. Die Welle, der Arielle nicht entkommen kann.
Jahre später lebt Marissa in New York, aber innerlich ist sie nie ganz aus Thailand zurückgekehrt. Während 2012 ein Hurricane auf die Stadt zusteuert, wird Marissa erneut mit der Angst vor einer Naturkatastrophe konfrontiert und mit einer Vergangenheit, die sie nie wirklich losgelassen hat.
Der Roman erzählt auf zwei Zeitebenen: Marissa in New York, kurz vor dem Hurricane, und Marissa in Thailand, in den Stunden vor dem Tsunami. Gerade dieser Wechsel hat mich so gepackt. In New York gibt es Warnungen, Vorbereitung, Vorräte, Sirenen, Einsatzkräfte. In Thailand dagegen gibt es diesen strahlend schönen Morgen. Blauer Himmel. Sonne. Ruhe. Und genau das macht es so unfassbar beklemmend.
Man hört weiter, obwohl man weiß, was passieren wird. Vielleicht ist genau das das Schlimmste daran: dieses Wissen. Diese Ohnmacht. Dieses Hoffen, dass doch noch jemand versteht, was da gerade kommt.
Tara Menon beschreibt Marissas Trauma so eindringlich, dass ich beim Hören mehr als einmal kurz pausieren musste. Marissa wirkt wie jemand, die äußerlich weiterlebt, aber innerlich noch immer unter Wasser ist. Gefangen zwischen Erinnerung, Schuld, Verlust und der Sehnsucht nach einem Leben, das in einem einzigen Moment zerbrochen ist.
Was ich außerdem stark fand: Das Buch macht Thailand nicht einfach nur zur schönen Kulisse. Es zeigt diesen Ort als wunderschön, aber auch verletzlich. Themen wie Plastikverschmutzung, Korallensterben, die Jagd auf Mantas und Sextourismus werden nicht plakativ erzählt, sondern liegen wie feine Risse unter der Oberfläche der Geschichte.
Auch als Hörbuch hat mich Unter Wasser sehr überzeugt. Merle Wasmuth liest Marissa mit einer Verletzlichkeit, die nie übertrieben wirkt. Ihre Stimme bleibt oft ruhig, fast zurückgenommen und genau dadurch treffen die emotionalen Szenen noch härter. Sie bringt dieses Gefühl von innerer Erstarrung, Erinnerung und unausgesprochener Trauer sehr fein rüber. Für mich hat ihre Interpretation die Geschichte noch intensiver gemacht.
Unter Wasser ist kein leichtes Buch, aber ein wichtiges. Es ist für alle, die Geschichten mögen, die nicht nur schön geschrieben sind, sondern wirklich nachhallen. Für alle, die Bücher über tiefe Freundschaften, Trauma, Verlust, Naturgewalt und langsames Wiederauftauchen lieben. Und für alle, die sich von einer Geschichte gern komplett mitnehmen lassen, auch wenn es weh tut.
Für mich war dieses Hörbuch anders als vieles, was ich sonst höre. Leise, schmerzhaft, atmosphärisch und unglaublich eindringlich.