Manchmal verliert man Menschen nicht, weil etwas passiert, sondern weil das Leben langsam andere Wege nimmt.
Dabei waren wir uns immer so nah von Jette Kötschau hat mich genau an diesem Punkt mitten ins Herz getroffen.
Ihr Debütroman erzählt von Henri, Merle und Katharina, drei Freundinnen, die sich einmal ganz selbstverständlich durch ihr Leben begleitet haben und inzwischen kaum unterschiedlicher sein könnten.
Kinderwunsch und Mutterschaft, Beziehung und Freiheit. Das Leben jeder Einzelnen wird voller und gleichzeitig wird der Platz für die Freundschaft immer kleiner.
Was mich an diesem Roman so berührt hat, ist seine unglaubliche Nähe zum echten Leben. Hier gibt es keinen großen Knall, der eine Freundschaft zerbrechen lässt. Kein einzelnes Ereignis, nach dem plötzlich alles anders ist. Es sind die kleinen Dinge, die sich ändern.
Ich mochte besonders, wie unterschiedlich Henri, Merle und Katharina gezeichnet sind. Henri hat mich mit ihrer unabhängigen, freiheitsliebenden Art, ihrem Traum vom eigenen Kino und gleichzeitig ihrer Sehnsucht nach Nähe sehr berührt. Besonders ihre schwierige Verbindung zu ihrer Mutter und die enge Beziehung zu ihrer Großmutter erklären vieles von dem, was Henri ausmacht und warum sie sich ihre ganz eigene Familie aus Freundschaften geschaffen hat.
Merles Überforderung als junge Mutter, Katharinas Zweifel an ihrer langjährigen Beziehung und ihr Kinderwunsch, all das wirkt unglaublich echt. Gerade diese Ambivalenzen machen die drei Frauen so greifbar. Sie sind nicht immer sympathisch und treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen. Genau deshalb fühlen sie sich so nah und menschlich an.
Und vielleicht hat mich die Geschichte auch deshalb so erreicht, weil ich dieses Auseinanderdriften von Menschen selbst kenne. Manchmal geht man gemeinsam durch eine lange Zeit und irgendwann merkt man, dass man sich verändert hat. Nicht unbedingt, weil die Zuneigung verschwunden ist. Sondern weil das Leben dazwischengekommen ist.
Traurig fand ich genau diese Erkenntnis. Nicht jede Freundschaft findet automatisch wieder zurück zu dem, was sie einmal war. Manchmal gibt es kein klassisches Happy End. Und manchmal findet man sich trotzdem wieder, nur auf einer anderen Basis, mit anderen Erwartungen und vielleicht sogar mit einem neuen Verständnis füreinander.
Ich mochte das Ende gerade deshalb sehr. Es fühlt sich nicht wie eine fertige Lösung an, sondern wie das echte Leben. Offen, ehrlich und mit der Möglichkeit, dass etwas Neues entstehen darf.
Jette Kötschau hat mich mit ihrem Debütroman vor allem deshalb überzeugt, weil sie den ganz normalen Wahnsinn des Erwachsenwerdens so treffend einfängt.
Auch als Hörbuch hat mich diese Geschichte erreicht. Rebecca Veil passt für mich wunderbar zu den drei Frauen und gibt jeder ihre eigene Stimme.
Ein wunderschönes Debüt, das sich so echt anfühlt, als könnte man Henri, Merle und Katharina irgendwo im eigenen Leben kennen.
Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Buches. Es erzählt nicht davon, wie Freundschaft sein sollte, sondern davon, wie sie manchmal wirklich ist.