Mein Hör-Eindruck:
Im fiktiven Schweizer Ödwil wird im vereisten See eine Leiche entdeckt. Der Ort staunt: wieso wird sie im Winter nach oben getrieben? Und damit sichtbar? Bald wird klar, dass es in diesem Roman nicht um die Aufklärung eines Mordfalles geht, und zwar spätestens dann, wenn der Tote als McGuffin identifiziert wird. Hitchcock zwinkert uns zu: so nannte er seinen Platzhalter für Personen, Vorkommnisse etc., die die Handlung in Gang setzten.
Dieser Leichenfund setzt tatsächlich die Handlung in Gang. An den Fund knüpfen sich nun verschiedene Erzählstränge an, und der Personenkreis erweitert sich. Da ist Rosa, die im Wohnwagen wohnt, der menschenscheue Archivar, die hundertjährige Erbin eines Fischzüchters, die Herren mit den Zylindern und schließlich der reiche Erbe, dessen Blick auf die Welt buchstäblich und sinnbildlich verschwommen ist. Und dann kommen noch die Sagen der gefährlichen Drachen in den Bergen dazu, die auf die Menschheit lauern. Der Leser verfolgt zunehmend verwirrter die einzelnen Erzählstränge, bis sie sich endlich zusammensetzen zu einem dichten Gefüge.
Und jetzt wird klar: der sichtbar gewordene Tote im Eis wird zum Sinnbild. Er ist eine Metapher für die schmutzige Geschichte der Schweiz, die die Autorin quasi aus dem Eis des Vergessens befreit und ins Sichtbare hebt. Sie legt mit ihrer ungemein bildstarken Sprache den Finger auf die Geschichte der Schweiz während des europäischen Faschismus, eine Geschichte, an die sich die Schweiz nicht erinnern will: an die Verbindung zu Nazi-Größen und das Nazi-Geld, das nach wie vor in der Schweiz liegt, an die menschenverachtende Bereicherung an Verfolgten, an die faschistischen Umtriebe im eigenen Land, die Verstrickung vieler heute wohlhabender Familien in den Nationalsozialismus und die aktuelle finanzielle Förderung rechtsradikaler Jugendgruppen.
Die Schrecken der anderen das ist der Schrecken der Geschichte, das sind die alten, aber nach wie vor wirkmächtigen Schrecken einer schmutzigen Vergangenheit, der sich das Land nicht stellen will.
Trotz des schönen Vortrages von Michaela Winterstein: ein herausforderndes Hörbuch, das konzentriertes Hören einfordert.