
Der neue Roman der Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo
Sie sind auf dem Weg nach Timmendorfer Strand: Amata Haller und ihr Chef Heinz Brockhaus, der ihr angeboten hat, sie mit dem Auto dorthin zu fahren. Amata ist in Eile, ihre Mutter wartet, wie jedes Jahr am 3. Mai. An diesem Tag jährt sich der Untergang der Cap Arcona, jene Katastrophe gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, die ihr Großvater nur knapp überlebt hat. Die Hitze drückt auf die überfüllten Straßen, die Fahrt wird immer länger, Brockhaus redet ununterbrochen, und Amata verliert die Fassung. Am Ende des Tages wird Brockhaus nicht mehr leben, und Monate später wird Amata vor Gericht stehen.
Besprechung vom 26.04.2026
Glitzernägel gegen Gitterstäbe
Wie viel Gewaltgeschichte passt in ein paar Stunden auf der Autobahn? Im neuen Roman der Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo fährt die Protagonistin alles an die Wand.
Von Susanne Romanowski
Es hätte ein sommerliches Roadmovie werden können. Das jährliche Familientreffen am Meer steht an, es ist heiß für Anfang Mai. Die afrodeutsche Amata wohnt in Berlin und macht sich zu spät auf den Weg. Ihr weißer Vorgesetzter Heinz fährt sie mit dem Auto hin. Unterwegs passiert, was an solchen Tagen immer passiert: Die Klimaanlage streikt, Stau, Parkplatzstress, etwas fällt am Rastplatz aus der Tasche. Wäre dies ein Strandschmöker, würde sich das ungleiche Paar nach allerlei Konflikten an der Promenade versöhnen. Doch Heinz überlebt die Reise nicht.
Wäre dies ein Krimi, ginge es um die Beziehung zwischen Täterin und Opfer, um Gerichtsverfahren und Indizien. Aber diese Spannung lässt Otoo gar nicht erst aufkommen. Denn schon die ersten Seiten stellen klar: Amata Haller hat Heinz Brockhaus getötet, einen so unangenehmen Mann, dass die Frage nach dem Motiv sich erübrigt.
Womit also befasst sich dieses nur 140 Seiten dicke Buch, das man auf der Fahrt zwischen Berlin und Timmendorfer Strand problemlos durchlesen könnte? Die Autorin beantwortet die Frage mit einem Zitat: "der käfig hat eine tür". Der Vers stammt von der afrodeutschen Dichterin May Ayim und ist dem Roman vorangestellt. Wie schon im Romandebüt "Adas Raum" umfasst der Käfig aus Trauma und Gewalt auch hier mehrere Jahrhunderte: Zwischen Rückspiegel und Kofferraum schreibt Otoo über Kolonialismus, den Zweiten Weltkrieg und den Einfluss auf die Gegenwart, verwebt Fiktion mit historischen Ereignissen.
Die 1972 in London geborene Autorin lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schrieb lange nur auf Englisch. Im Jahr 2016 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis mit der ersten Geschichte, die sie je auf Deutsch geschrieben hat. Nach diversen Novellen und Essays ist "So, in etwa, ist es geschehen" Otoos zweiter Roman. Der Text präsentiert sich als Sammlung von Dokumenten: Briefe, atemlos verfasste Erinnerungsprotokolle und stundenlange letzte Worte. Der mündliche Stil schafft Nähe und Dringlichkeit, als klebte man selbst mit verschwitzten Beinen auf dem Rücksitz.
Ziel der Reise ist die Ostsee. In der Lübecker Bucht wurden am 3. Mai 1945 die Cap Arcona und ihr Begleitschiff Thielbek versenkt. Britische Militärs vermuteten deutsche Truppen auf dem Schiff. Stattdessen befanden sich darauf rund 7500 ehemalige Häftlinge, überwiegend aus dem KZ Neuengamme. Fast alle von ihnen starben. Im Roman ist der Großvater der Protagonistin einer der wenigen Überlebenden. Er wurde inhaftiert, da er sich als schwarzer Mann weigerte, in Filmen mitzuspielen, die die deutsche Kolonialzeit glorifizierten. Zum Gedenktag der Katastrophe fährt Amata gen Norden. Dort soll ihre Mutter sie erwarten. Doch die ist schon vor Abfahrt tief enttäuscht.
Denn Amata hat vergessen, rechtzeitig einen Mietwagen zu reservieren. So wie sie auch die Blumen in der Wohnung liegen gelassen und den Schlüssel verlegt hat. Sie stolpert von Job zu Job, arbeitet für eine Hilfsorganisation, ist eher beiläufig zu "Beyond Reparations!" gekommen. Während die schwarzen Aktivisten die Umbenennung Berliner Straßen diskutieren, hat Amata nur Augen für ihren Schwarm Kwame. Diese Debatte gehört zu den interessantesten im Buch, weil sie eine Perspektivenvielfalt zeigt, die in den Diskussionen der Mehrheitsgesellschaft oft fehlt. Einige sind Feuer und Flamme, aber Amatas Schwester hat für den Umbenennungsaktivismus nur eine Pointe übrig: "Ihr ordnet einfach die Liegestühle auf der Titanic neu an."
Amata selbst hat wenig für Politik übrig, sie ist kindlich und unzuverlässig, auch als Erzählerin. Ihre in einer Nacht heruntergetippten Erinnerungen bilden das Herzstück des Romans. Auf siebzig Seiten verknüpft sie ihren Vormittag in Brockhaus' Auto mit Rückblenden zu Besuchen in Los Angeles, zu ihrem Vater, der seinen Kontrabass öfter umarmte als sie. Die Überschriften der vier Kapitel: "Die Wahrheit", "Die ganze Wahrheit", "Und nichts als die Wahrheit" und "Wahrer wird's nicht". Leser brauchen viel Geduld mit Amata. Mit dieser Frau, die spricht und schludert wie ein Teenager, obwohl sie Ende dreißig ist. Fast immer verhält sie sich daneben, klimpert mit frisch lackierten Glitzernägeln gegen die Gitterstäbe. Mit allen Mitteln sucht Amata die Tür, die aus dem Käfig führt. Orientierung bieten historische und literarische Vorbilder: ihr Großvater, der Schauspieler Theodor Wonja Michael und die Figuren der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison.
Otoos Roman ist voll von Anspielungen auf schwarze Kunst und Kultur. Amata liest Michaels Memoiren und schreibt ihre eigenen Erinnerungen exakt 101 Jahre nach dessen Geburtstag auf. Anders als Amatas fiktionaler Großvater spielte Michael als Komparse in rassistischen Völkerschauen sowie Kolonialfilmen mit, um die Herrschaft der Nazis zu überstehen. Zwangsarbeit musste er dennoch verrichten. Auch die Biographie des Großvaters ist keine Heldengeschichte. Wenn es beim Angriff auf die Cap Arcona kaum Überlebende gab, was hat ihr Großvater wohl getan, um dazuzugehören? In Berichten ist die Rede von Kämpfen im Wasser um ein Brett, von heruntergedrückten Köpfen für eine Chance, das Ufer zu erreichen.
Amata heißt übersetzt "Geliebte", die Schwester heißt Denver, so wie das Geschwisterpaar in Toni Morrisons größtem Roman "Beloved". Darin entkommt eine Frau der Sklaverei und wird vom Geist ihres verstorbenen Kleinkinds heimgesucht. Warum? Weil die Mutter es tötet, als sie vermutet, mit ihren Kindern erneut in Gefangenschaft zu geraten. Eine "grausame Geschichte", findet Amata. Ein "Akt der Liebe", sagt ihre Mutter. In all diesen Geschichten ist es also möglich, die Tür zu finden und den Käfig zu verlassen. Doch der Preis ist hoch. Und das Versprechen von Freiheit eine Illusion. Denn warum sonst schafft es Amata nicht, Heinz Brockhaus die Tür vor der Nase zuzuschlagen, als er ungefragt bei ihr aufkreuzt?
"So, in etwa, ist es geschehen" lebt von Gleichzeitigkeiten. Amata steigt vermeintlich freiwillig ins Auto, obwohl sie nicht will. Am Ostseestrand schauen Rentner auf das Wasser, in dem so viele Menschen starben. Belastendes kontrastiert Otoo mit Humor: oft klamaukig und albern, manchmal treffend. So macht Amata aus den preußischen Kolonialisten, die in Ghana einfielen, "junge, gewaltbereite Männer ohne Familie".
Amata ist Täterin, aber auch Opfer und eine in ihren Widersprüchen menschlich wirkende Figur. Anders als Heinz Brockhaus. Es ist rätselhaft, warum diese Figur so viel Raum einnimmt. Auf knapp fünfzig Seiten, also einem Drittel des Romans, monologisiert Brockhaus darüber, dass man Frauen keine Komplimente mehr machen dürfe, über seine gescheiterte Ehe, darüber, was seine Großeltern im Krieg gemacht haben und dass Amata sich unbedingt den Namen Toni Morrison merken sollte. Sicher gibt es Menschen, die seine Ansichten teilen, die mansplainen, Grenzen überschreiten und sich selbst am liebsten reden hören. Doch die Anspruchshaltung des alten, weißen Mannes wurde mittlerweile bis zur Ermüdung analysiert und zitiert.
Der Monolog bietet wenig literarischen Erkenntnisgewinn, da Amata ihren Chef selbst genügend beschreibt. Seine verbalen Ausfälle auf der Fahrt hört sie nicht einmal. Da schweift sie gedanklich ab, schwitzt und schläft. Lieber hätte man mehr über Amatas Beziehung zu ihrer ehemaligen Freundin Nkechi erfahren oder die Perspektive der Mutter gehört. Einzig am Ende erzählt Brockhaus etwas Interessantes: wie er verzweifelt versucht, seinem nicht-binären Kind ein Ei zu kochen, und sich mit ihm auf den richtigen Härtegrad verständigen kann. In dieser Szene liegt alles. Politische Entfremdung, ein Generationenkonflikt, der Grauen des Alltäglichen. Das weiß die Autorin, denn schon in ihrer Bachmannpreis-Geschichte wurde ein Ei, ein sprechendes noch dazu, zur Sollbruchstelle einer Familie.
Gern hätte man Brockhaus anstelle der Plattitüden mehr solcher Momente gewünscht, bevor Amata ihm den Schal umlegt. Am tragischen Ende hätte es nichts geändert, denn es geht nicht um Brockhaus. Es geht um den Schmerz, wenn sich Überleben und Edelmut ausschließen. Und der wirkt nach, lange nachdem die Käfigtür ins Schloss fällt.
Sharon Dodua Otoo, "So, in etwa, ist es geschehen". Verlag S. Fischer, 144 Seiten
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