Beziehungsarbeit und Rückblick einer Frau in der Mitte des Lebens, die ungeschönte Wahrheiten mit unvermeidlichen Entscheidungen verknüpft.
"Die Gespräche mit Tosch führt ich in meinem Innern. Wusste ich nicht weiter, fragte ich ihn. Überlegte, was Tosch gesagt hätte. Aus der Erinnerung, aus der Erfahrung der Jahre erhielt ich Antwort, wenn auch meist mit enormer Verspätung."InhaltDie Ich-Erzählerin lernt Tosch,den Mann ihres Lebens, wie sie ihn rückblickend tituliert mit 30 Jahren kennen, er ist 19 Jahre älter als Sie und zunächst ihr Professor am Leipziger Literaturinstitut. In den folgenden 19 Jahren führen sie eine gemeinsame Partnerschaft, mit Hürden und Highlights. In dieser Zeit wird Katja langsam älter, ihre Tochter aus erster Ehe erwachsen und ihr Partner schwer krank. Die an autobiografische Erfahrungen angelehnte Erzählung, die Einblicke in die Beziehung zwischen der Autorin und dem erfolgreichen Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann gewährt, bündelt in ihrer Gesamtheit viele Wahrheiten, thematisiert Schwerpunkte, sowohl in der Beziehungsführung, als auch in der Entwicklung jedes einzelnen Partners. Die Jahrzehnte zwischen dem Paar sind sicherlich der Katalysator für unvermeidliche Entscheidungen, doch sie zeigen auch sehr gut, warum Katja nicht die letzte Frau im Leben ihres Mannes war, sondern die vorletzte.MeinungDiesen Roman habe ich natürlich in erster Linie auf Grund seiner beschriebenen Thematik gelesen, das literarische Thema nah dran an meiner eigenen Geschichte und deshalb schon per se interessant. Und das bleibt es auch über die 200 Seiten hinweg, so dass ich das Buch mehr oder weniger in zwei schönen Maitagen gelesen habe - in einem Rutsch sozusagen.Die kurzen Sätze und der rauhe, beinahe harsche Erzählton haben es mir nicht immer leicht gemacht, gerade was Symapthie und Identifikation mit den Figuren ausmacht. Die Geschichte spielt zwischen Künstlern und bewegt sich natürlich auch in diesem Milieu, selbst wenn Katja eine bodenständige Frau ist, die nicht nur Romane schreibt, sondern auch ihre Passion als Fußpflegerin entdeckt. Tosch zumindest macht nie einen Hehl daraus, das sein schriftstellerisches Wirken an erster Stelle steht, gefolgt von seiner Freiheit und Selbstverwirklichung und danach erst, sehnt er sich nach seinem sicheren Hafen in Form von Familienalltag und Kinderlachen. Über all die Jahre hinweg, nicht erst beginnend mit seiner schweren Krebserkrankung, bleibt er mehr Besucher und Gast im Leben von Katja und ihrer Tochter Paula, doch wenn er da ist, dann ganz und gar, omnipräsent. Die Beziehung selbst verträgt dieses selbst so definierte "Kommmmitgehweg" über fast zwei Jahrzehnte hinweg sehr gut, niemand fühlt sich allein, die räumliche Trennung erhält die Lust und Liebe. Auch der spätere Umgang mit der Krankheit und dem ständig über dem Paar schwebenden Ängsten, bezüglich eines frühen Todes von Tosch wirkt authentisch und ehrlich aber auch die Risse werden mehr und mehr sichtbar. Tosch stellt es Katja frei, sich einen Liebhaber zu nehmen, er wird diesen Part in ihrem Leben nicht mehr erfüllen können, doch sie möchte das nicht, zumindest nicht so, wie er es sich vorstellt. Ihr Leben in Deutschland wird wieder präsenter, seines führt ihn zurück in die Schweiz und so ist es letztlich nicht nur die Krankheit, die sie einander entfremdet, sondern ihre Lebensentwürfe, die nicht mehr passen und das ist der Grund, warum sie letztlich bewusst entscheiden, nicht länger ein Paar zu sein, sondern dem jeweils anderen die Freiheit schenken, allein etwas anderes zu beginnen.FazitIch habe das Buch nach anfänglichen Befremdlichkeiten gern gelesen und vergebe gute 4 Lesesterne für einen ehrlichen, lebensnahen Roman, der weder urteilt noch anklagt, noch in Hoffnungslosigkeit versinkt. Es sind sehr gute Denkansätze verankert: die Liebe und das Leben gehen verschlungene Wege, wer Entscheidungen trifft, muss Konsequenzen tragen, wer es nicht tut, bleibt ein Getriebener seiner selbst. Die kurzen Sätze, die eher karge Sprache, die Zeit- und Gedankensprünge haben mir zwar nicht sonderlich gefallen, doch sie lassen dem Leser viel Raum für eigene Gedankengänge und in der ein oder anderen These, fühlt man sich genötigt oder herausgefordert selbst Position zu beziehen. Deshalb: ein hervorragendes Buch für Gesprächsrunden und Austausch mit anderen Lesern. Und letztlich ist ein versöhnliches Fazit, welches bleibt: Die Vergänglichkeit des Lebens sorgt dafür, dass wir wachsam bleiben, dass wir uns selbst immer wieder neu ausrichten müssen und nachhaltig die Frage stellen sollten, ob wir wirklich nur die Summe unserer Rollen sein möchten? Man merkt diesem Text an, das er nicht nur im Zeitraffer erzählt, sondern von einer Person geschrieben wurde, die aus Erfahrungen spricht, die selbst in der Mitte des Lebens angekomen ist und einerseits bereitwillig Platz macht, für die nächste Generation andererseits aber selbst noch Pläne und Aufgaben im Leben hat.