
Neue Schule - neue Freunde?
Jelena hat echt keine Ahnung, was sie und Jakob gemeinsam haben. Sie kennen sich doch gar nicht! Was sollen sie dann nur bei ihrem Referat erzählen? Bei ihrer besten Freundin Lotte würde ihr sofort ganz viel einfallen, aber die geht ja jetzt auf eine andere Schule.
Wenn Jakob einfach ein paar Bücher lesen könnte, wär das mit dem Referat kein Problem. Aber es geht ja leider nicht um Dinos oder so. Sie sollen sich in der neuen Klasse halt besser kennenlernen. Und er eben Jelena. Also setzt er sich in der nächsten Stunde einfach neben sie.
Was für ein Glück, dass Sich-Kennenlernen doch gar nicht so schwer ist.
Warmherzige Geschichte mit liebenswerten Kinderfiguren über ihre Alltagssorgen und Alltagsfreuden, die den Leser*innen Mut macht und zeigt, dass man überall neue Freunde finden kann.
Besprechung vom 11.10.2025
Wird ab jetzt immer alles anders?
Was sie denken, wenn sie schweigen: Im neuen Kinderbuch von Tamara Bach haben zwei Zehnjährige einiges gemeinsam.
Von Fridtjof Küchemann
Von Fridtjof Küchemann
Viel gibt es eigentlich nicht zu erzählen, findet Jakob: "Das ist ja nicht wie in Kinderbüchern, wo die immer total viel erleben. Und dann noch Kriminalfälle lösen und mit der Polizei zusammenarbeiten oder Schätze finden und so." Solche Kinderbücher schreibt Tamara Bach nicht, und auch in ihrem jüngsten Kinderbuch, "Jakob und Jelena", in dem sich zwei Klassenkameraden im ersten Jahr auf der Gesamtschule damit abwechseln, über sich und übereinander zu erzählen, passiert nach außen hin nicht viel. Das ist oft so in den Büchern von Tamara Bach, sie ist eine Expertin für Makroaufnahmen und Zeitlupen: Was unter der Oberfläche passiert, was Menschen doch nicht sagen und noch nicht wissen, was sie aneinander erkennen und wie sie es einander zeigen und vor allem wie Kinder daran wachsen, das ist hier das Spektakuläre.
Jelena lebt mit ihrer Mutter in der Stadt. Die hat zwei Jobs, aber keinen richtigen, kaum Zeit für ihre Tochter, aber Nachbarn und Freunde, die für das Mädchen da sind, wenn jemand da sein muss. Und die Mutter hat eine große Tochter: Selbständig und klug ist Jelena mit ihren bald elf Jahren, eigenwillig - und einsam. Einsam in der neuen Klasse, schließlich ist Lotte, ihre beste Freundin seit Ewigkeiten, aufs Gymnasium gekommen, und jetzt hat sie kaum noch Zeit.
Jakob lebt mit seinem Vater auf dem Land. Der arbeitet meist zu Hause, in seinem Büro im Keller. Er hat viel zu tun, und dann hat er noch genaue Pläne für die gemeinsame Zeit mit seinem Sohn, vom wöchentlichen Essensplan über den festen Wochentag für den gemeinsamen Spaziergang, den Museumsbesuch und andere Freizeitaktivitäten. Immerhin, glaubt er, ist Jakob Struktur sehr wichtig. Auch Jakob ist selbständig und klug. Dass er einsam ist, stört ihn offenbar kaum, schließlich hat er seine Bücher. Was ihn stört, ist der Schwimmkurs, zu dem er angemeldet ist, den er aber schwänzt, weil er bei Weitem der Älteste unter den Anfängern wäre. Dabei ist eine goldene Regel ihres Zusammenlebens, dass nicht gelogen wird. Zur Sorge davor, sein Vater könne ihm auf die Schliche kommen, gesellt sich Panik: Nach den Herbstferien steht im Schulsport Schwimmen auf dem Programm.
Was Jelena und Jakob verbindet, ist nichts. Glauben sie zumindest lange. Glauben sie auch dann noch, als sie in der Schule die Aufgabe bekommen, gemeinsam ein Referat zu halten, über ein Thema ihrer Wahl, eine Gemeinsamkeit, mit dem offen ausgesprochenen Ziel, dass sich so die vorgegebenen Tandems besser kennenlernen können und mit ihnen die ganze Klasse. Und als Jakob schließlich am Ende des Buchs, das nicht das Ende der Geschichte ist, auf das "Hi", das ihm Jelena geschickt hat, mit einem "Hi" antwortet, ist deren Handynachricht auch schon ein paar Tage alt.
Da ist es auch schon ein paar Tage her, dass sich Jakob, der sonst woanders sitzt, wortlos den Platz neben Jelena genommen hat. Erst nur im Klassenraum, dann auch in Kunst. Und auf der Bank auf dem Pausenhof, die Jelena, wenn sie erzählt, erst "ihre" Bank nennt, dann "unsere". Es ist sogar schon ein paar Tage her, dass Jakob auf einmal doch wieder nicht mehr neben ihr sitzt und Jelena sich fragt, was wohl los ist. Nur um sich zur Raison zu rufen: "Wir sind ja nicht verheiratet. Wir sind ja nicht mal Freunde, oder? Ab wann ist man denn Freunde?"
Mit Lotte ging das ganz schnell und ganz leicht, aber da waren sie ja auch noch klein. Da war noch alles lustig, und jetzt ist alles ernst. Das, was sie immer den Ernst des Lebens nennen. "Ich bin kein Fan", stellt Jelena fest.
Doch so leicht ist das mit Lotte auch nicht mehr: Nie hat sie Zeit, der Sport, die Musik, die Hausaufgaben, das Lernenmüssen nach der ersten und der zweiten Fünf auf dem Gymnasium. Als sich Jelena einmal ein Herz nimmt und bei Lotte klingelt, sagt deren Mutter, Lotte sei bei ihrer Freundin. Sie macht die Tür wieder zu und lässt ein Mädchen draußen, wie vom Donner gerührt: "Lotte ist nicht bei ihrer Freundin, weil ich ihre Freundin bin, und hier ist keine Lotte!", denkt Jelena, als sie endlich wieder denken kann. Was denkt sie nur, als Lotte am nächsten gemeinsamen Wochenende auf die unschuldige Frage von Jelenas Nachbarin, ob sie denn schon Freunde gefunden habe auf der neuen Schule, nur ein "Weiß nicht" einfällt?
"Freunde kann man ja nie genug haben", sagt die Rambke noch, und es ist einer dieser Sätze, denen Tamara Bach Raum gibt in ihrem Buch, Raum in den Köpfen der beiden Mädchen und in denen ihrer Leser. Er wird noch nachhallen, als Lotte nach dem Wochenende den Mut findet, ihrer Mutter zu sagen, dass sie nicht länger aufs Gymnasium gehen möchte. Als sie davon träumt, bald wieder neben Jelena zu sitzen, und Jelena nur denkt, aber da sitzt doch schon jemand.
Und Jakob? Als sein Vater Besuch von einem alten Freund bekommt, gerät der verlässlich durchgetaktete Zeitplan von Vater und Sohn erst einmal aus dem Rhythmus und Jakob gleich mit. Aber dieser Christian hört ihm zu. Er stoppt Jakobs Vater, der immer wieder mal für seinen Sohn antworten will, und beharrt für Jakob darauf, wie schwerwiegend der Umstand ist, dass der Vater seinem Sohn den von Anfang an für das ganze Wochenende geplanten Besuch zuerst als abendliches Treffen verkaufen wollte. Er entlarvt den väterlichen Eiertanz, er zeigt, dass es auch ohne geht: wenn man sich den Gefühlen des Kindes stellt. Und er gibt Jakob Gelegenheit, seine Schwimmkurslüge einzugestehen, weil er darauf besteht, dass der Vertuschungsversuch des Vaters allen Absprachen zum Trotz letztlich auch nichts anderes war als eine Lüge.
Das alles hat genau das richtige Gewicht, den richtigen Klang in Tamara Bachs Buch, weil sie auch in kniffeligen Momenten die Perspektive ihrer kindlichen Erzähler beibehält, bis in ihr Warten, ihr zwischen den Zeilen zu lesendes Schweigen, ihr Schulterzucken, bis in die Sprache und das Sprachspiel: Hier wächst jemand, vermittelt die Autorin unaufdringlich, hier arbeitet ein Kind an seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Welt. An seiner Wahrnehmung. Vielleicht, fällt Jelena einmal im Ethikunterricht ein, als der Lehrer ihnen eine von diesen Geschichten vorliest, in denen alles ganz einfach ist, "die einen sind gut, die anderen schlecht", vielleicht ist ja nicht einmal Franzi wirklich "eine Bösewichtin", auch wenn sie sich einen Spaß daraus macht, anderen Spitznamen zu verpassen und die jeden Morgen über den ganzen Schulhof zu rufen.
Was Jelena und Jakob von ihrer Welt sehen, was sie davon verstehen, hat seine Grenzen, und das ist ein Glück: So kann Tamara Bach in aller Ruhe erzählen, wie die beiden einander in den Blick nehmen. So kann sie einiges offen- und der Phantasie ihrer Leser überlassen: was dieser Felix für ein merkwürdiger Nachbar Jelenas ist und dieser Samson für ein seltsamer Mitfahrer in Jakobs Bus. Warum soll Jelena ihre Großeltern besser nicht kennenlernen? Was ist mit Jakobs Mutter passiert? Warum musste Jakob zu Doktor Rusch? Warum hat sein Vater gelogen, als es um den Wochenendbesuch ging? Und warum Lottes Mutter? Wird Jelena Jakob in den Herbstferien begleiten zum Schwimmen? Das immerhin überlässt Tamara Bach nicht allein der Vorstellungskraft ihrer Leser, sondern auch einer Andeutung in der letzten der vielen zweifarbigen Tuschezeichnungen, mit denen Barbara Yelin das Buch feinsinnig und leise illustriert hat.
Tamara Bach: "Jakob und Jelena". Roman.
Mit Bildern von Barbara Yelin. Carlsen Verlag, Hamburg 2025. 256 S., geb., 15,- Euro. Ab 12 J.
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