Irma, die Protagonistin, erzählt ihre Geschichte rückblickend. Ihre Geburt markiert den Gründungstag von Zeugland, einer Kommune in der Peripherie einer ostdeutschen Großstadt nach der Wiedervereinigung. In dieser Kommune gehört alles allen, Türen werden nicht verschlossen, und auch sonst ist vieles anders als in der Zivilgesellschaft. Leider hat Irma das Pech, das Kind einer Mutter zu sein, die ihr eigenes schweres Kindheitstrauma unbewältigt mit sich herum schleppt, vermutlich psychisch nicht gesund ist, und die, als ob das noch nicht reichte, zudem auch noch ein schlechter Mensch ist. Sie demütigt ihr Kind, wo sie nur kann, beschimpft ihre Tochter mit den übelsten Worten (Scheißhausfliege ist nur ein Beispiel), verlangt Arbeiten von ihr, mit denen das Kind überfordert ist, nichts kann Irma ihr recht machen, Lob und Anerkennung bekommt sie nie zu hören, und für alles, was im Leben der Mutter schief gelaufen ist, wird Irma schuldig gesprochen. Auch vor finanzieller Ausnutzung der Tochter macht die Mutter nicht halt. Diese Mutter wäre ein Fall für das Einschreiten des Jugendamts, und nur die gemeinschaftliche Fürsorge der anderen Bewohner, von denen vermutlich einer Irmas Vater ist, verhindert, dass Irma nicht als Kind vor die Hunde geht, sondern ganz im Gegenteil mit einer gewissen Resilienz ausgestattet wird, die ihr später sehr zugute kommt. (Dass ich als vernachlässigt galt, sollte mir erst viel später klar werden. Seite 151) Mit diesem überschweren Rucksack flieht Irma 15-jährig vor ihrer Mutter, die ihr sehr deutlich zeigt, wie überflüssig Irma für sie ist, in die nahe gelegene Großstadt. Dort landet sie in einem Theater, und weil das Leben dort in gewisser Weise ähnlich strukturiert ist wie in Zeugland und Irma sich als talentiert erweist, fühlt sie sich dort schnell wohl. Doch so, wie sie einerseits Dinge gelernt hat, die sie für das Leben unter Theaterleuten prädestinieren, hat sie andererseits notwendige Verhaltensmuster nicht gelernt, die sie vor der toxischen Beziehung zu dem bewunderten Regisseur hätten schützen können, eine Beziehung, sie lange für Liebe hält.
Diese Beziehung weist viele Parallelen auf zu ihrem desolat-destruktiven Verhältnis zu ihrer Mutter, und nach einem vorübergehenden Höhenflug schlägt Irma ganz unten auf. Nun muss sie lernen, Hilfe anzunehmen, doch als sie dazu endlich bereit ist, erweist sich auch das als schwierig, denn die Solidarität der Theaterfamilie zeigt sich brüchig, und die Hilfe des Staates ist alles andere als unkompliziert. Der Roman zeichnet hier kein gutes Bild des Sozialstaats, als er dringend benötigt wird; Irma ist in einem Teufelskreis gefangen, und erst der zufällige Tipp einer erfahrenen ReNo-Gehilfin bringt die Dinge für sie ins Rollen und den Staat auf Trab.
Nach dem Auftakt in Zeugland ist der Roman vom Ende her erzählt, die Autorin lässt uns den Ausgang von Anfang an wissen, es ist der Weg dorthin, auf dem die Spannung aufbaut. Gerne wüsste ich, wie es mit Irma langfristig weitergeht, welchen Weg sie nimmt, ob sie Erfolg haben und glücklich werden wird, und ob sie ihren Rucksack im Laufe ihres Lebens ausleeren kann. Oder ob sich alles wiederholt, weil das ererbte Trauma die Oberhand über ihr Leben behält
Ein paar sperrige Bilder sind mir im Text begegnet, wie z.B. In meinem Brustkorb sticht etwas von innen gegen die Schultern wie kochender Dampf. (Seite 16)
Vom Ende der Kleinigkeiten ist ein tief beeindruckender Roman, der mich sehr gefesselt hat und mir lange im Gedächtnis bleiben wird. Mit Irma hat die Autorin eine Figur geschaffen, die meine höchste Bewunderung hat für die Art, wie es ihr gelingt, sich aus dem Sumpf zu ziehen und wieder aufzustehen, nachdem sie erneut in den Dreck geworfen wurde. Mit der zerstörerischen Mutter-Tochter-Beziehung, der toxischen Liebesbeziehung, dem Leben in der Kommune und in der Theaterwelt macht der Roman gleich mehrere gewichtige Themen auf. Das hätte im Hinblick auf Überfrachtung auch schiefgehen können, ist es aber nicht, weil sich das eine logisch aus dem anderen ergibt. Für mich ein ganz großartiger Roman, den ich aus tiefstem Herzen empfehle.