
Besprechung vom 29.11.2025
Ein Leben im Zweifel
Hisham Matar folgt in seinem neuen Roman "Meine Freunde" drei Libyern ins Exil.
Von Lena Bopp
Wer dieser Tage im Netz nach Informationen über die Schüsse sucht, die am 17. April 1984 vor der libyschen Botschaft in London fielen, wo ein Mitarbeiter mit einem Maschinengewehr das Feuer auf etwa zweihundert Demonstranten eröffnet hatte, die gegen Gaddafis Regime protestierten, der stößt vor allem auf den Namen von Yvonne Fletcher. Die junge Polizistin wurde damals erschossen. Etwa elf weitere Menschen wurden verletzt. Wie schwer oder leicht sie verwundet wurden und wer sie waren, ist allerdings kaum zu erfahren.
Nun, gut vierzig Jahre nach diesen Ereignissen, die zu einem Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Libyen und Großbritannien führten, tauchen zwei der damals Verwundeten indes wieder auf - als fiktionale Charaktere in dem neuen Roman des Pulitzerpreisträgers Hisham Matar, der einen von ihnen, den am schwersten verletzten, zu seinem Erzähler macht. Khaled Abd al-Hady ist Anfang zwanzig, als ihn die Kugel in die Brust trifft. Er stammt aus Bengasi und hatte das Glück, dank eines Stipendiums in Edinburgh studieren zu können - ein Glück, das sich nach diesem eigentlich ohne große innere Überzeugung angetretenen Protest in Luft auflöst.
Diese Auflösung und ihre Folgen beschreibt Hisham Matar von ihrem Ende her. Als sein Roman beginnt, ist der Erzähler Khaled schon um die fünfzig und verabschiedet einen Freund, der vom Bahnhof St Pancras in ein neues Leben nach San Francisco aufbricht. Khaled geht zu Fuß zu seiner Wohnung in Shepherd's Bush zurück, durchquert London auf alten Pfaden, vorbei am St James Square, wo er niedergeschossen wurde, und dem French House, der Lieblingsbar seiner Freunde. Dieser Gang durch die Stadt bildet den Rahmen für seinen Blick zurück auf ein Leben, das bis in jede einzelne Pore von den Schüssen durchdrungen wurde und es für immer bleibt. Es gibt kein Zurück mehr - nicht zu Vater, Mutter und Schwester in Bengasi, denen sich Khaled aus Sorge um ihre Sicherheit nicht mitteilen kann, und nicht ins Studentenleben nach Edinburgh. Wo soll er hin?
Diese Frage geht bei Hisham Matar weit hinaus über Asylverfahren, Arbeitsplätze und Lebensorte. London ist zwar kein schlechtes Schicksal. "Selbst den Schatten wird ein Platz zugewiesen, und London ist eine Stadt der Schatten, eine Stadt, die für Schatten gemacht ist, für Menschen wie mich, die ihr Leben hier verbringen und doch unsichtbar wie Geister bleiben können." Vor allem geht es darum, wer und was eine geistige und emotionale Heimat sein könnten. Eine mögliche Antwort findet der Erzähler zuweilen in der Literatur, bei Robert Louis Stevenson, Virginia Woolf und Joseph Conrad, und auch in den Freundschaften, die er im Laufe seiner fünfunddreißig Londoner Jahre schließt. Viele sind es nicht, er hält sich zwangsläufig an den Rat seines Vaters: "Alles, was du brauchst, sind ein, zwei gute Freunde, mehr nicht." Denn mit den Schergen des libyschen Regimes, dessen Einfluss, wie er ja weiß, bis nach London reicht, greift ein allumfassendes Misstrauen nach seinem Leben, das sich in Verfolgungswahn und Fatalismus äußert und jede Begegnung zu etwas Unwägbarem macht. Das trifft auf die Frauen zu - auf Rana und Hannah, die Khaled bei aller Zuneigung stets auf Abstand hält. Und ebenso auf Mustafa, den mit ihm vor der Botschaft verwundeten Studienfreund, und auf Hosam, den verhinderten Schriftsteller. Denn was die drei Freunde paradoxerweise am meisten miteinander verbindet, ist der nie ganz aufzulösende Zweifel am anderen und das Wissen darum, dass ein libyscher Exilant aus Scham und Angst immer wieder Lügen spinnt, die nur bei ganz genauem Hinsehen keine sind.
In dieser allumfassenden Unsicherheit führt Khaled ein Leben, in dem stets mehrere Versionen seiner selbst möglich sind. Ein Leben, dessen Jahre bei Hisham Matar immer wieder in wenigen Sätzen zusammensurren, während wegweisende Augenblicke sich dehnen - bis hin zu der unerwarteten, den Tyrannen stürzenden Rebellion im Frühjahr 2011, die zwei der drei Freunde zurück nach Libyen führt, wo sie kämpfen und an alten Wurzeln rühren, die zu kappen keinem von ihnen je gelungen ist. Denn aus dem Exil wird keine Heimat bei Hisham Matar. Es bleibt ein Leben, das man jeden Tag wieder lernt.
Hisham Matar: "Meine Freunde." Roman.
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand Verlag, München 2025. 538 S., geb.
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