Ein äußerst merkwürdiger Mordfall beschäftigt die äußere Provinz des Imperiums Khanum. Ein Offizier ist gestorben, weil spontan ein Baum aus seinem Körper gewachsen ist. Das ist selbst für ein Land, in dem die Natur nach ganz eigenen Launen agiert und von mächtigen Wesen beeinflusst wird, ein mysteriöser Umstand, der die geniale, aber auch möglicherweise verrückte Ermittlerin Ana Dolabra auf den Plan ruft. Ihr neuer Ermittlergehilfe Din hat alle Hände voll damit zu tun, den Überblick zu behalten und am Leben zu bleiben, denn umso tiefer die beiden in den Fall eintauchen, umso gefährlicher wird er... Die Idee, einen genial komplizierten Kriminalfall mit einer wirklich abgedrehten Fantasywelt zu verbinden, ist nichts anderes als ein Geniestreich, der Robert Jackson Bennett mehr als gut gelungen ist. Seine Geschichte spielt im Imperium Khanum, in dem die Wissenschaft die Macht hat. Die Menschen haben die Fähigkeit, mithilfe von Anpassungen aller Art, die sie der Natur zufügen, menschliche Fähigkeiten zu verstärken und zu verändern. Im Prinzip also Gentechnik mit ganz verrückten Pflanzen. Diese Fähigkeit brauchen sie aber auch, denn das Imperium wird bedroht von mysteriösen Tiefseewesen, den sogenannten Leviathanen, die jedes Jahr in der Regenzeit den Ozean verlassen, an Land kriechen und überall, wo man sie nicht aufhält, eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Mit anderen Worten: Es ist ganz schön viel los in Khanum. Der Autor spart nicht beim Ausschmücken seiner Welt, es entsteht eine sehr lebendige Atmosphäre und der Eindruck, durch ein kunterbuntes, riesiges Land und einen abgefahren, schizophrenen Urwald zu wandeln. Der Kreativität sind in dieser Welt der Pflanzendrogen keinerlei Grenzen gesetzt, weder in Bezug auf die Flora und Fauna noch in dem, was die Menschen daraus machen, sprich mit ihren Gehirnen oder Körpern anstellen: Biopunk vom Feinsten. Dementsprechend skurril ist auch der Mordfall: Tod durch spontanen Baumwuchs. Damit geht die Geschichte aber erst so richtig los, denn natürlich ist es kein einfacher Mord, im Gegenteil, er zieht ein ganzes Netz aus Verstrickungen und Korruption hinter sich her, das das ganze Imperium betrifft und das Leben tausender Menschen bedroht. Außerdem war es natürlich nicht die letzte Leiche...Doch Ana und ihr Gehilfe sind dieser Herausforderung mehr als gewachsen. Die Geschichte ist komplett aus Dins Perspektive erzählt und von Beginn an durchaus spannend. Der Autor zögert nämlich nicht oder langweilt mit langen Erklärungen, stattdessen wirft er den Leser mitten hinein ins Geschehen, beziehungsweise, in den Tatort. Es braucht natürlich eine Weile, um ein Gefühl für diese doch sehr eigenartige und eigensinnige Fantasywelt zu bekommen, es hagelt Fremdworte, Namen und Ortsbezeichnungen, mit denen man erst nach und nach etwas anfangen kann, außerdem muss man aufmerksam bleiben und sich jede Menge Verstrickungen merken, um nicht den Faden zu verlieren. Der Mordfall ist nämlich wirklich komplex und kaum durchschaubar. Jedenfalls für Normalsterbliche, jedoch nicht für Ana Dolabra. Sie ist der mehr oder weniger heimliche Star der Geschichte, gleicht Dins Ruhe und Regelkonformität mit Chaos und einer unfassbaren Menge Exzentrik aus und sorgt auch für jede Menge irrwitzig komische Situationen. Die beiden sind im wahrsten Sinne des Wortes ein Mordsgespann und setzen gleichzeitig auch ein Zeichen für Vielfalt und Repräsentation, in diesem Fall von geistigen Behinderungen und Neurodivergenz. Im Laufe des Buches kommen immer mehr Verstrickungen und Geheimnisse ans Tageslicht und das Spannungslevel bleibt konstant hoch, weil man sich auf all das kaum einen Reim machen kann. Es scheint auch eine übergeordnete Handlung zu geben, immerhin geht die Geschichte noch weiter, vermutlich mit einem neuen Fall. Das ist aber noch nicht alles, denn auch im Fantasy-Aspekt, genauer gesagt bei den mysteriösen Tiefseeungeheuern, scheint es noch viele ungelöste Rätsel zu geben und so endet das Buch mit dem Gefühl, dass der Autor da noch einiges vorhat und noch viele Geheimnisse gelüftet werden dürfen - im zweiten Teil der Reihe.