Hinweis: Für mich ist dieses Buch kein klassischer Thriller dafür fehlt die Spannung. Trotzdem hat es mich gepackt. Deshalb lasse ich die Genre-Schublade bei der Bewertung heute einfach mal zu.
Worum gehts?
Katie Cole steht vor Gericht. Vier prominente Persönlichkeiten sollen durch ihre Hand gestorben sein. Die Öffentlichkeit scheint sich sicher doch war sie es wirklich? Ihr Vater weigert sich, auch nur einen Moment an ihre Schuld zu glauben. Und Journalist Max spürt, dass hinter diesem Fall mehr steckt als nur eine einfache Schlagzeile.
Meine Meinung:
Schon das Cover und der Buchschnitt von Sie war es. Sie war es nicht. sind ein Statement. Mehrere Gesichter und doch immer dieselbe Frau. Genau darum geht es. Wer ist Katie wirklich? Und gibt es diese eine Wahrheit überhaupt?
Nicci Cloke spielt meisterhaft mit Perspektiven. Jeder Erzähler hat seine eigene Stimme, seinen eigenen Blick, seine eigene Agenda. Da ist John, der Vater, der seine Tochter noch immer als unschuldiges Kind sieht. Gabe, faszinierend und verstörend zugleich, dessen Welt aus Verschwörungstheorien, Protestbewegungen und seiner fast schon obsessiven Hingabe zu Katie besteht. Max, der Journalist, der Klicks braucht und doch mehr sucht als Sensation. Tarun, der ehrgeizige Anwalt, kontrolliert und analytisch. Und dann der Ex-Liebhaber, der seine ganz eigene Version von Katie in sich trägt.
Gerade diese Perspektiven haben mich fasziniert. Jede Figur betrachtet Katie durch ihre eigene Brille geprägt von Gefühlen, Erwartungen, Ängsten. Für den einen ist sie verängstigt, für den anderen nur verunsichert, für den nächsten vielleicht berechnend. Besonders an Max wird deutlich, wie sehr sich der Blick auf einen Menschen verändern kann, wenn neue Informationen ans Licht kommen und wie schnell Gewissheiten ins Wanken geraten.
Wir erfahren viel über Katies Vergangenheit, ihre Familie, ihren Lebensweg, und nähern uns Stück für Stück der Auflösung. Psychologisch ist das für mich absolut stark konstruiert. Der Einstieg brauchte bei mir etwas Zeit, aber dann hat mich das Buch nicht mehr losgelassen. Und ich habe so gehofft, endlich auch Katies eigene Gedanken lesen zu dürfen was zum Glück nicht unerfüllt blieb.
Für mich ist das ein psychologischer Roman, der mit Wahrnehmung und unterschiedlichen Sichtweisen spielt wie kaum ein anderes Buch, das ich bisher gelesen habe. Teilweise hätte ich mir noch stärkere Verbindungen gewünscht aber Menschen sind eben oft komplexer und weniger klar verbunden, als wir es gern hätten. Insgesamt hat mir das Buch sehr gefallen, und ich würde mich über mehr in dieser Richtung freuen.
Fazit:
Sie war es. Sie war es nicht. von Nicci Cloke ist ein psychologisch raffiniert aufgebauter Roman über Wahrnehmung, Schuld und die Frage, wie viele Wahrheiten in einem Menschen sind. Kein reißerischer Thriller, sondern ein vielschichtiges Spiel mit Perspektiven und Projektionen. Wer Spannung nicht nur im Tempo, sondern im Denken sucht, wird hier fündig.
4 Sterne von mir!