Ich bin in etwa zur gleichen Zeit geboren wie zwei der Hauptfiguren in Lukas Rietzschels Roman "Sanditz" - Tom und Maria. Ich bin ebenso wie die beiden in den neuen Bundesländern geboren und aufgewachsen, bin nach der Schule und dem Studium nach "drüben" gegangen und, im Gegensatz zu Maria, auch geblieben. Vieles was im Roman insbesondere in den Jahren nach der Wiedervereinigung geschildert wird, kommt mir bekannt vor, rührt etwas in mir an. Die Geschichte spielt im fiktiven Ort Sanditz, einst wurde hier Kohle gefördert, danach die Gebiete geflutet. Etwas düster ist es dort, die Menschen leben in ihrem Trott, in ihren Gewohnheiten. Hier und da ist etwas Gemeinschaft zu spüren, immer wieder aber auch Trostlosigkeit. Die Handlung spielt in verschiedenen Zeitebenen, von den späten 70er Jahren bis in das Jahr 2022. Der Leser bekommt so einen guten Eindruck über das Leben in der DDR, das Miteinander, das Familienleben, aber auch politische Rahmenbedingungen, die Rolle der Kirche, der Armee. Besonders gefallen hat mir, dass die geschichtlichen und politischen Hintergründe nicht nacherzählt werden. Man ist mittendrin, lebt in seiner Realität, arrangiert sich, ist mal mehr oder weniger glücklich, rebelliert oder auch nicht. Figuren ziehen vorbei, manche blitzen nur für ein oder zwei Kapitel auf und treten wieder ab. Im Mittelpunkt steht die Familie Wenzel, die all die Jahre in dem Bungalow am Stadtrand lebt. An ihr erlebt man über 40 Jahre Geschichte. Dabei entblättert der Autor erst nach und nach das komplexe Familiengeflecht und hält so die Spannung hoch. Doch auch die anderen, kleineren Charaktere sind gut gezeichnet. Es gibt berührende Episoden, erschreckende Erlebnisse und auch unbeschwerte Momente, eine Geschichte, viele Leben. Roland ist für mich eine der interessantesten, tragischsten Figuren im Roman. Voller Ideen und Träume, in den Zeiten der friedlichen Revolution vorn dabei, nach der Wende desillusioniert und einsam. Natürlich geht es auch um Entfremdung, erst durch die Arbeit entfernt von der Familie "im Westen", später durch Corona. Vieles bleibt ungesagt in der Familie, die aber auch eine tiefe Liebe verbindet. Zumindest nehme ich das so wahr. Tom kann ich bis zum Schluss nicht einschätzen, er entgleitet mir immer wieder. Doch auch seine Lebensgeschichte ist bewegend. Auch die kleinen, scheinbar kurzen Episoden, um den syrischen Soldaten Marouan, den Sparkassendirektor Peter, die Entwicklung von Dirk haben eine ganz besondere Kraft. Nicht jeder Handlungsstrang ist fertig erzählt, es bleiben einige lose Enden. So hätte ich mir z.B. gewünscht noch etwas mehr von Caro und ihrem Vater zu erfahren. Was ich zugegebenermaßen nicht so richtig verstanden habe, ist die Geschichte der Raben im Prolog. Das schafft Atmosphäre und macht neugierig, aber da fehlt mir etwas der Zugang. Das Bild der Raben am Ende, hat mich allerdings sehr berührt und setzt einen, wenn auch traurigen Rahmen. Ich mochte schon die Vorgänger-Romane des Autors, dieses ist ebenfalls wieder sehr zu empfehlen. Lukas Rietzschel gelingt es durch einen unaufgeregten, sachlichen und trotzdem berührenden Schreibstil, die Geschichte einer ganz normalen Familie im Osten Deutschlands spürbar zu machen, mit guten und schlechten Zeiten, Liebe, Freude und auch Abgründen.