
Besprechung vom 22.12.2025
"Der durchgeknallte CEO"
Wie Palantir groß und Alex Karp reich wurde
Das heute wertvollste Rüstungsunternehmen der Welt stellt keine Bomben oder Raketen her. Es entwickelt Software und IT-Plattformen. Damit lassen sich Computer und Datenbanken verknüpfen und Bits und Bytes zu scharfen Waffen machen. Palantir kommt nicht nur auf einen Marktwert von 430 Milliarden Dollar, das Unternehmen sieht sich nach den Worten seines Chefs Alex Karp auch als Bollwerk des Westens.
Seit der Gründung nach den Terroranschlägen in Amerika 2001 "ist unsere Mission der Schutz der Demokratie", erklärt er seinem Biographen Michael Steinberger. Die Angriffe vom 11. September hätten verhindert werden können, wenn das Land seine Mittel damals besser eingesetzt hätte. Und nicht nur das. Die folgenden Kriege der USA in Irak und Afghanistan zeigten Defizite, die sich auf herkömmliche Art nicht beheben ließen. Neue Technik musste her - und Palantir sollte sie liefern.
Vor diesem Hintergrund beschreibt Michael Steinberger in seinem Buch: "Der Unsichtbare" den Aufstieg Karps zum derzeit schrillsten Milliardär der Techbranche. Er ist mit Palantir aufgrund der Software, der Aktionäre und Kunden umstritten. Zählen zu den Geldgebern doch Geheimdienst-Fonds und zu den Nutzern die Militärs. Für sie sammelt, kauft oder verkauft die Firma keine Daten. Es wertet sie aber schnell und gründlich aus. Damit kann die Polizei arbeiten, damit lassen sich Gefechtsfelder aufklären, damit werden faktisch alle Spuren sichtbar. Das aber macht vielen Menschen Angst.
Nach langen Recherchen und Interviews mit seinem Protagonisten, mit dessen Familie, Freunden und Wegbegleitern wird Karp von Steinberger als kluger Kopf beschrieben, der sich gern etwas verrückt gibt, sich selbst den "durchgeknallten CEO" nennt, der das Silicon Valleys verachte, der viel Sport treibe, berechnend und leicht zu unterschätzen sei. Der Sohn eines jüdischen Arztes und einer schwarzen Künstlerin war als Kind hochbegabt, litt unter einer Leseschwäche, schaffte es aber 1989 nach Stanford. Karp studierte Jura und sei als Linker gern in rechten Zirkeln aufgetreten. Er pflege Freundschaften mit konservativen Kommilitonen wie Peter Thiel, der mit Paypal ein Vermögen verdienen und Karp an die Spitze von Palantir setzen sollte.
Nach dem Studium zog es Karp nach Deutschland. Er wollte die Muttersprache der Familie seines Vaters lernen und erkunden, welche Spuren der Nazizeit in Deutschland noch zu sehen waren. Er schrieb an der Goethe-Universität in Frankfurt eine Dissertation zur erst vielbeklatschten und dann schwer umstrittenen Dankesrede Martin Walsers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998. Walsers Eindruck, so Karp, er sei vom Holocaust und den Vertretern eines "grausamen Erinnerungsdienstes" verfolgt, entbehre jeder Grundlage, habe aber enorme Wirkungen. Warum? Weil in den kulturellen Unterströmen der Gesellschaft nach wie vor Kräfte wirkten, die einst zur Katastrophe führten. Walser spiele daher mit dem Feuer.
Karp promovierte und ging wieder nach Amerika. Dort hatte Thiel 2003 das Start-up Palantir gegründet. Es sollte Daten aus Tausenden Rechenzentren schnell zusammenführen und auswerten können. Gerade erst hatte der Kongress ein staatliches Projekt für Entwicklung der sogenannten Datenintegrationen gestoppt. Der Grund: sie mache die Massenüberwachung der Bevölkerung möglich. Dem Schritt war applaudiert worden, doch er riss ein Loch in die geplante Sicherheitsarchitektur des Landes. Palantir sprang ein, und Thiel holte seinen alten linken Debattengegner aus Stanford an Bord.
Karp habe mit 34 Jahren in der Start-up-Szene zwar als alt gegolten, schreibt Steinberger. Auch sei er völlig unbekannt, ohne Referenzen und Programmierkenntnisse gewesen. Aber er war wortgewandt und mit einem Jahresverdienst von 125.000 Dollar geradezu billig. Vor allem hatte Karp gute Drähte in Finanzkreise - und das zählte. Denn die Risikokapitalgeber Kaliforniens zeigten Palantir zunächst die kalte Schulter. Der Staat als wichtigster Kunde war ihnen zu schwierig und zu knausrig. Es dauerte Jahre, das zu ändern. 2023 machte Palantir seinen ersten Gewinn. 2021 hatte Karp das Unternehmen an die Börse gebracht. Nach der Wiederwahl von Donald Trump ins Weiße Haus sah er den Kurs geradezu durch die Decke gehen. Das machte ihn zum Milliardär. Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der folgende Gazakrieg und die damit einhergehenden antiisraelischen Proteste an vielen US-Unis ließen Karp am linken Lager zweifeln. Die Demokratie sei unter Beschuss und müsse sich wehren - mit all Mitteln.
Steinberger hat über eine interessante Persönlichkeit ein interessantes Buch geschrieben. Es ist dicht, faktengespickt und flott zu lesen. Er hätte an der ein oder anderen Stelle die Technik hinter den Palantir-Programmen vielleicht etwas detailreicher erklären und hier und da etwas tiefer schürfen sollen. Etwa, wenn es um die zweite Reihe der ersten Geldgeber in den Gründerjahren, oder um Karps wechselnden Blick auf Deutschland geht. Denn am Ende seines gerade erschienen Buchs "The Technological Republic" kommt Karp abermals auf Walser zu sprechen. Anders als in seiner Dissertation feiert er ihn nun als Helden des freien Wortes und der inneren Stärke, der mit seiner Rede 1998 "die Wünsche und Gefühle einer ganzen Nation zum Ausdruck gebracht" habe. STEPHAN FINSTERBUSCH
Michael Steinberger: Der Unsichtbare. Tech-Milliardär Alex Karp, Palantir und der Globale Überwachungsstaat. Ariston-Verlag, München 2025, 348 Seiten.
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