
»Nett zu sein, war mein erster Traum, lange bevor ich wusste, dass man genauso gut Rockstar sein kann. «
»Hummelhirn« ist die Geschichte einer Anpassung - inklusive herzzerreißender und hochkomischer Fehlversuche. Mit Zartheit, Klarheit und Talent fürs Tragikomische blickt Judith Holofernes auf ihre Kindheit zurück. Sie erzählt von ihrer Ausbildung zum People Pleaser, der nonkonformistischen und doch so netten Mutter, von Liebeswirren, ersten eigenen Songs, einem launischen Körper unter Dauerbeobachtung - und davon, wie es ihr schließlich gelingt, die eigene Hummeligkeit ins Erwachsenenleben hinüberzuretten.
Bevor sie mit Wir sind Helden Furore macht, ist Judith Holofernes ein komisches Kind. Eine Träumerin, die sich wie eine betrunkene Hummel durch die Welt bewegt. Was später als Neurodiversität bezeichnet wird, fällt im Berlin der wilden 1970er nicht weiter auf.
Erst als die lesbische Mutter ins beschauliche Freiburg zieht, beginnt Judith, spektakulär anzuecken. Dabei möchte sie so gerne alles richtig machen. Also versucht sie den Spagat: Ob das geht, nett sein und besonders? Es geht. Auch wenn sie dafür einen hohen Preis bezahlt: Judith Holofernes wird der netteste Rockstar der Welt.
Besprechung vom 15.03.2026
Übertrieben nett
Judith Holofernes erzählt von einer Kindheit zwischen Träumerei und Lebensunfähigkeit, Anderssein und dem dringenden Bedürfnis, nicht aus dem Rahmen zu fallen.
Macht kaputt, was euch kaputt macht", forderten "Ton Steine Scherben" Anfang der Siebzigerjahre. Knapp dreißig Jahre später erwies Judith Holofernes mit ihrer Band "Wir sind Helden" dem Song eine kaum versteckte Referenz und forderte in "Denkmal": "Hol den Vorschlaghammer!". Beide Songzeilen sind ins kollektive Musikgedächtnis übergegangen. Doch abseits dieser eingängigen Parolen lassen sich beide Bands kaum vergleichen. Aktionen wie die des ehemaligen "Ton Steine Scherben"-Managers Nikel Pallat wären bei "Wir sind Helden" undenkbar gewesen. Dieser hatte 1971 bei einer Diskussion in der WDR-Sendung "Ende offen" eine Axt mit ins Studio gebracht und mit ihr aus Protest gegen das "Unterdrückungsinstrument" Fernsehen auf den Tisch eingeschlagen, um den sich die Diskussionsteilnehmer scharten.
"Wir sind Helden" waren subtiler. Frei nach dem Motto, dass die Feder mächtiger sei als das Schwert (oder eben die Axt), konzentrierten sie sich darauf, ihre kapitalismuskritischen und gesellschaftspolitischen Überzeugungen von Wut in Sprachwitz umzuwandeln.
Egal ob Holofernes vom "Land der begrenzten Unmöglichkeiten" ("Müssen nur wollen") oder von "Visionen gegen die totale Television" singt ("Guten Tag") - immer führen leichte sprachliche Verschiebungen bei der Hörerin oder beim Hörer zu einem kurzen, von Holofernes bewusst gesetzten Stolpern. Sie immunisiert uns damit gegen das hohle Klappern sprachlicher Phrasen, sensibilisiert uns für den erstaunlicherweise immer noch heftig diskutierten Umstand, dass Sprache unser Bewusstsein formt, und sät Zweifel an der unkritischen Akzeptanz gesellschaftlicher Missstände.
"Wir sind Helden" ist 2012 verstummt, verschwunden auf unbestimmte Zeit. Doch Judith Holofernes hat zum Glück immer weitergemacht. Sie hat zwei kluge Soloalben "Ein leichtes Schwert" (2014) und "Ich bin das Chaos" (2017) veröffentlicht und einen von der Literaturkritik ziemlich zerrupften satirischen Tier-Gedichte-Band ("Du bellst vor dem falschen Baum", 2015) geschrieben. 2019 zog sie sich aufgrund anhaltender Stimmprobleme aus der Musikbranche zurück und konzentriert sich seither fast vollständig aufs Schreiben. 2022 erschien ihre Teil-Autobiographie "Die Träume anderer Leute", die sich nicht etwa mit dem Aufstieg und dem Erfolg von "Wir sind Helden" beschäftigte, sondern mit der Zeit danach. Mit ihren Zweifeln, dem Wunsch nach etwas weniger öffentlicher Aufmerksamkeit und dem zugleich noch immer bestehenden Wunsch nach Anerkennung.
Mit "Hummelhirn" schreibt Judith Holofernes ihre Autobiographie nun fort. Im Fokus stehen ihre Kindheit und Jugend im alten Westberlin und in Freiburg. Holofernes, geboren 1976 als Judith Holfelder-von der Tann, wächst als Kind von Cornelia und Martin in Kreuzberg auf. Früh wird klar, dass ihre Mutter sich eigentlich zu Frauen hingezogen fühlt. Die Eltern trennen sich. Ihre Mutter bricht ihr Lehramtsstudium ab und widmet sich fortan der Übersetzung feministischer Literatur, verrätselter Krimis oder Science-Fiction- und Fantasy-Romanen. Ihr Vater geht zunächst nach Poona in den Ashram von Bhagwan, zieht dann nach Hessen und später mit seiner zweiten Frau und Holofernes' beiden Halbbrüdern nach Wuppertal. Cornelia und Judith werden in Berlin in unterschiedlichen WGs leben - zuletzt in einer Ladenwohnung in der Urbanstraße, die zu dem von Freunden von Holofernes' Mutter mitbegründeten Kinderladen "Kakadu" gehört.
Kurz bevor Judith eingeschult wird, zieht sie mit ihrer Mutter nach Freiburg, damals ein "Mekka für Berliner Exilanten". Einmal dort angekommen, wird ihr bewusst, dass sie anders ist. Da ist zunächst das Offensichtliche. Die Art, wie sie spricht: Als sie beim Bäcker - ganz Berlinerin - "Schrippen" bestellt, erhält sie eine Antwort, die sie ratlos zurücklässt: "Biddeee? Wilsch Weggle habe?".
Doch auch ihr Verhalten weicht deutlich vom Durchschnitt der Freiburger Kinder in ihrer Schule ab. Ihr Sprachniveau, zum Beispiel, liegt weit über jenem der anderen, doch wenn sie sich allein eine Strumpfhose anziehen oder Schuhe binden soll, scheitert sie spektakulär. Zudem ist Holofernes ein verträumtes Kind. Sie summt im Unterricht oder verpasst auf dem Weg zur Schule die richtige Bushaltestelle, wenn sie ihren Gedanken nachhängt. Sie bewegt sich "wie eine betrunkene Hummel durch die Welt", taumelnd nicht nur physisch, sondern auch durch ihre Phantasie. In ihren frühen Teenagerjahren weitet sich dieses Hin- und Herpendeln auch auf ihr Liebesleben aus. Eine Zeit lang konkurrieren Jungs wie Frédéric, Ulf und Felix um ihre Aufmerksamkeit, mal bricht sie ihnen, mal brechen sie ihr das Herz.
All das liest sich wie eine bewegte, aber keinesfalls singuläre Kindheit. Jeder von uns kann dieses oder jenes Detail nahtlos in seine eigenen Erinnerungen einweben. Besonders wird der Text dadurch, dass er nur vordergründig eine Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Eigentlich berichtet Holofernes über ihre Neurodivergenz, von der sie erst vor wenigen Jahren erfahren hat.
Ihr "Hummelhirn" funktioniert anders als das anderer Menschen - es weicht von der Norm ab. Intuitiv hat Holofernes das schon in jungen Jahren verstanden und versucht, alles, was der Freiburger Mehrheitsgesellschaft besonders oder befremdlich erschien, durch Nettigkeit zu kompensieren. Durch "überproportional, unnötig, übertrieben(es)" Nettsein.
Worin genau Holofernes Neurodivergenz liegt, erfährt man nicht, denn: "Ich will ein Buch für alle komischen Kinder schreiben, nicht nur für die, die auf genau dieselbe Art komisch sind, wie ich", wie sie ihrem Lektor mitteilt.
Um diesem Ziel Rechnung zu tragen, versucht sie, ihr Anderssein so greifbar wie möglich zu machen. Neben der weitgehend chronologischen Erzählung ihrer Kindheit und Jugend, fügt sie immer wieder kursiv gesetzte Einträge aus ihren Teenager-Tagebüchern ein. Selbst wenn diese von Holofernes sprachlich leicht überarbeitet worden sein sollten, beeindrucken die Einträge durch ihre Wortgewandtheit. Noch bemerkenswerter jedoch sind die in einer serifenlosen Schrift abgesetzten Einschübe, die für die Autorin, aber auch für Leserinnen und Leser als eine Art Reflexionsraum fungieren. Vordergründig schildert sie dort Erlebnisse, die ihr Erwachsenenleben betreffen: einen der ersten Auftritte von "Wir sind Helden" im Berliner Sage Club 2001, Auftritte bei Festivals, aber auch Filmabende mit ihren Kindern. Eigentlich sind diese Texte jedoch dafür da, um "mich selbst und andere genau (zu) beobachten, uns allen beim Menschsein (zu)zugucken", also das, was Holofernes, nach eigener Aussage immer am besten konnte.
Zugegeben: In seinen schwächeren Passagen wirken die doch arg detailverliebten Schilderungen der Spiele aus Holofernes' Kindheit oder die ein wenig überstrapazierten Schrullen ihrer Haustiere ermüdend. Doch andere Passagen, etwa das so zärtliche Porträt ihrer Mutter, versöhnen einen gleich wieder mit dem Buch. In den besten Momenten funktioniert "Hummelhirn" wie ein nicht enden wollender "Wir sind Helden"-Song, ein Lieblingslied, in dem man sich geborgen, durch das man sich verstanden fühlt.
TOBIAS LENTZLER
Judith Holofernes, "Hummelhirn". Verlag Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten
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