Kreativität klingt zunächst nach Geistesblitz, Inspiration und diesem geheimnisvollen Moment, in dem plötzlich etwas Großartiges entsteht. Mario de la Piedra Walter schaut allerdings nicht verträumt in den Künstlerhimmel, sondern greift gedanklich zum neurologischen Sezierbesteck. Keine Sorge, auf dem Küchentisch landet dabei niemand. Höchstens ein paar romantische Vorstellungen vom genialen Künstler.
Besonders spannend fand ich die Verbindung aus Medizin, Psychologie und Kulturgeschichte. Dostojewski, Frida Kahlo, Kandinsky und weitere bekannte Persönlichkeiten erscheinen hier nicht bloß als außergewöhnliche Talente. Der Autor untersucht, welchen Einfluss Krankheiten, Wahrnehmungsstörungen und neurologische Besonderheiten auf ihr Schaffen gehabt haben könnten. Da ertappt man sich schnell bei der Frage, ob manche Kunstwerke ohne Schmerz, Einschränkungen oder ein etwas anders arbeitendes Gehirn überhaupt entstanden wären.
Trotz des wissenschaftlichen Themas liest sich das Buch über weite Strecken erstaunlich lebendig. Die vielen Beispiele geben den Erklärungen ein Gesicht und sorgen dafür, dass es nicht nach trockenem Lehrbuch schmeckt. Ganz ohne Denksport geht es allerdings nicht. Einige medizinische Passagen verlangen Aufmerksamkeit und manchmal musste mein Gehirn kurz eine Kaffeepause beantragen.
Ein wenig vorsichtig sollte man bei der Verbindung zwischen psychischen oder neurologischen Auffälligkeiten und großer Kunst bleiben. Nicht jede Besonderheit macht automatisch kreativ und nicht jedes Genie braucht eine Diagnose. Der Autor bewegt sich häufig spannend auf dieser schmalen Linie, auch wenn einzelne Schlussfolgerungen etwas spekulativ wirken.
Unterm Strich ist das ein kluges, ungewöhnliches und anregendes Sachbuch. Danach betrachtet man nicht nur berühmte Kunstwerke anders, sondern hört dem eigenen Kopf bei seinen kleinen Geistesblitzen aufmerksamer zu.