Man stelle sich vor, in einer nicht ganz fernen Zukunft ist es möglich, mittels einer Zeitmaschine Menschen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Diese Zeitreisenden sind in ihrer Wahrnehmung Geflüchteten nicht unähnlich. Zwar kommen sie nicht in ein anderes Land, aber kulturell und gesellschaftlich hat sich seit ihrer Zeit so viel verändert, dass es sich doch in etwa so anfühlen muss. Um ihnen die Eingewöhnung zu erleichtern, werden ihnen Helfer an die Seite gestellt, Brücken werden diese genannt, mit denen sie in enger (Wohn-)Gemeinschaft ihr erstes Jahr in London verbringen. Danach sollen sie selbstständig unter uns leben. So wird die Idee verkauft.
Die namenlose Erzählerin ist eine dieser Brücken, eine junge Frau, deren Verhalten und Persönlichkeit jedoch gar nicht zu einer so verantwortungsvollen, mit höchster Geheimhaltungsstufe versehenen Position passen wollen. Ihr ist 1847 zugeteilt, der sich als der Polarforscher Graham Gore entpuppt, der ein leitendes Mitglied der Franklin-Expedition war. Eigentlich eine ganz coole Idee und ein spannendes Gedankenexperiment. Die Art und Weise, wie die 7 Zeitreisenden aus unterschiedlichen Epochen auf unser heutiges Leben und Gebaren blicken, offenbart Einiges über den Wertewandel durch die Zeitläufe und den Zustand unserer Gesellschaft. Gores Interpretation unseres Dating-Verhaltens z.B. - genial. Für Stellen dieser Art mochte ich den Roman sehr. Zwischendurch ist über Passagen aus Gores Sicht in der Vergangenheit immer wieder ein wenig über die Franklin-Expedition zu erfahren, was mir auch sehr gefallen hat. Diese kurzen Exkurse hätten für mich gerne ausführlicher sein dürfen. Weniger gefallen haben mir die eigenartigen Metaphern, die die Autorin verwendet. Wie ein geohrfeigter Kanarienvogel, wie in einem speichelnassen, karieszerfressenen Mund, Licht hell wie sorgfältig gesiebtes Mehl, um nur einige zu zitieren. Vielleicht möchte KG damit das einzelgängerische Wesen ihrer Protagonistin untermalen, die weder Freundschaften noch Familienbindungen pflegt. Vermutlich hat sie diese verschobenen Bilder auch deshalb sehr bewusst gewählt, um das Absurde der Situation zu veranschaulichen. Aber mich überzeugt sie damit nicht. Mir ist die Intention des Romans lange Zeit nicht klar geworden. Und so, wie ich meine sie verstanden zu haben, finde ich sie auch etwas dünn. Am Ende geht plötzlich alles sehr schnell und ist - jedenfalls für mein Si-Fi-ungeübtes Hirn - nicht so ganz schlüssig, sondern eher ein bisschen verzwickt und verzwackt. Ich muss zugeben, dass ich eine plausiblere und gehaltvollere Auflösung erwartet hatte. Dabei hätte der Stoff grundsätzlich enorm Potenzial. Was mir auch fehlt, ist ein eindeutiger Sympathie-Träger. Die Erzählerin taugt dazu jedenfalls für mich nicht. Der Roman liest sich flüssig und ist unterhaltsam, und vielleicht werde ich mich irgendwann noch einmal intensiver mit der Franklin-Expedition befassen, dieses Interesse hat er bei mir geweckt. Aber nachhaltig in Erinnerung bleiben wird er mir vermutlich nicht. Im Nachwort ist zu lesen, dass die Autorin eine sehr viel kürzere Version der Story zunächst für wenige Freunde verfasst hatte. Man könnte vermuten, dass sie sich selbst in der Figur der namenlosen Erzählerin in den Roman eingebracht hat und somit das literarische Mittel des Self-Inserts verwendet. Unbedingt erwähnen möchte ich noch die sehr ästhetische Gestaltung des Buches mit Motto auf Buchvorder- und -rückseite in silbernen Lettern sowie dem ansprechenden Cover. Am Anfang und Ende des Buches gibt es zwei Illustrationen, Aquarell und Bleistiftskizzen von Graham Gore, Zeichnungen, die 1845 mit den letzten Briefen der Expedition nach England Lady Franklin erreichten. Eine Vorstellung, die mir Gänsehaut verursacht. Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz.