Was für ein Schlussspurt! Was für ein begnadeter Erzähler ...
Zum Glück endet die Geschichte gerade noch rechtzeitig. Man ahnt so manches, möchte es allerdings auf gar keinen Fall umgesetzt wissen, denn zu eindrücklich wird hier eine Religionsphilosophie ausgebreitet, die alles enthält, um den Zauber zu entzaubern. Einerseits. Andererseits, was wäre eine Welt ohne Zauber, ohne die Möglichkeiten, die Verführungen, die überall vorhanden sind - wenn man nur seine Chancen nutzt. Oder wie hier blendend metaphrasiert: "Das Seil lag da, sie musste es nur ergreifen. Erstaunlicherweise tat sie es nicht. Sie nahm keinerlei Änderungen vor in ihrem Leben. Wie so viele, die den Treibsand tagsüber verfluchten und sich nachts in ferne Welten träumten, unternahm sie erstmal gar nichts. Sie beäugte nur das Seil von allen Seiten, grübelte über dies und das und erwog die einer oder andere Möglichkeit; manchmal span sie ein paar Ideen und verwarf diese gleich wieder, schmiedete Pläne und verschob sie auf später."Das kommt einem irgendwie bekannt vor und gehört wohl zum Gedankenrepertoire der meisten Menschen. Hier gehört dieses Hadern zum Mittelteil der Erzählung. Noch steckt die Protagonistin der Geschichte im Treibsand ihres Lebens fest, noch greift sie nicht nach dem Seil der Möglichkeiten. Noch - nicht. Die Geschichte der Susanna startet furios ("Da war dieses [5-jährige] Mädchen. Ich wünschte, ich hätte sie gekannt. Ich wünschte, ich wäre schon auf der Welt gewesen, als sie dem Pferdeknecht Anton Morgenthaler, der doppelt so groß, dreimal so breit und fünfmal so schwer war wie sie, in einem Akt entschlossener Notwehr mit dem rechten Zeigefinger das linke Auge ausstach."), um sich dann in gut erzählten Episoden mit ihrer Entwicklung auseinanderzusetzen, um schließlich am Ende ihre wahre Kraft zu entfalten. Das ist große Erzählkunst.Die Geschichte beginnt 1849 und endet Anfang des 20. Jahrhunderts, sie spielt auf unterschiedlichen Schauplätzen, die so unterschiedlich sind wie ähnlich: Dortmund und Basel, algerisch-marokkanisches Grenzland und am Fuße der Dakotas - es kommt immer auf das Auge des Betrachters (des Lesers) an. Das Menschsein, so unterschiedlich es sich an den verschiedensten Punkten der Erde entwickelt, so sind doch Grundelemente des Seins überall zu erkennen. So findet der Leser, trotz der Individualität dieser Geschichte genügend Spielraum für seine eigenen Gedanken, die er hier schärfen und mit neuem Inhalt füllen kann. Das kann man wahrlich nicht von jedem Roman behaupten. Hier wird den Gegensätzen zwischen Sicherheit-gebenden Traditionen (gleicher, immer wiederkehrender Ablauf), genormten Konditionen, dem Vorhersehbaren auf der einen, und dem Risiko, dem Aufbruch, dem Normendurchbruch auf der anderen Seite eine grandiose erzählerische Plattform gegeben. Eindrücklich wird dies am Beispiel des Militärs dargestellt: "Sie hatten zu gehorchen, das war alles. Oberstes Gebot und einziges Gesetz war das Dienstreglement. Zwar beraubte es sie ihres freien Willens, aber im Gegenzug entband es sie jeder moralischen Verantwortung." Hier liegt das ganz Geheimnis von Kriegen begraben ...Fatalistisch können man sagen, dass ohnehin nur Zufälle und das sogenannte Schicksal die entscheidenden Rollen bei allen Lebensentwürfen/-entscheidungen (hätte ...) spielen. Denn kann man weder den Zufällen noch den von außen kommenden Schicksalsschlägen ausweichen. Das ist zwar richtig, dennoch hat man jederzeit eine Wahl. Und dieses ewige hin und her zwischen Bewahren und Neubeginnen findet hier eine ausdrucksstarke Stimme. Zum Schluss, quasi als "Nachsatz" hier noch die anfänglich benannte Episode zu "Glaubensfragen" die keinem geringerem als Sitting Bull in den Mund gelegt werden."'Mein Vater sagt Folgendes', sagte Crow Foot. Als er weitersprach, war seine Stimme eine halbe Oktave tiefer und klang wie die seines Vaters. ¿Selbstverständlich ist das Quatsch, was Kicking Bear [Prophet des Messias] den Leuten erzählt. Aber er erzählt ihnen, was sie hören wollen in ihrer Not. Wenn es sie tröstet, ist es doch gut. Dann sollen sie eben tanzen [Geistertanz zur ...]. Wer bin ich, es ihnen zu verbieten? Übrigens sind meine Leute es gewohnt, dass man ihnen Quatsch erzählt. Sie sind Experten im Anhören von Quatsch. Seit hundert und hundert Jahren ziehen Weiße Männer durch die Prärie und erzählen uns Quatsch. Sie erzählen uns, dass man aus Steinen Brot machen kann und aus Wasser Wein. Oder dass ein Mädchen, auch wenn es nie bei einem Mann war, trotzdem ein Kind bekommen kann. Ist das etwa kein Quatsch?'An dieser Stelle kicherte Sitting Bull. Sein Sohn kicherte mit ihm.¿Wir sollen euch glauben', fuhr Crow Foot mit tiefer Stimme fort, ¿dass am Jüngsten Tag alle verrotteten Leichen jung, frisch und lebendig aus dem Boden steigen. Jedes Kind weiß, dass das Quatsch ist. Wir aber sollen daran glauben, sonst gebt ihr uns keine Kleider und nichts zu essen in dem Gefängnis, in das ihr uns gesperrt habt. Wenn aber Kicking Bear dasselbe erzählt, hetzt ihr eure Soldaten auf uns.'¿Na ja', sagte Susanna. ¿Das ist nun wirklich ...'¿Wir sollen euch glauben, dass ein einzelner Mann in sieben Tagen die Welt erschuf, ist das etwa kein Quatsch? Und dass in Rom ein Mann in einem großen Haus aus Stein wohnt, der als Einziger auf der Welt einen direkten Telegrafendraht zum Weltenschöpfer hat - verlangt ihr wirklich, dass wir das glauben? Glaubt ihr selbst daran?'¿Aber nein', antwortete Susanna.¿Nun wollen meine Leute also glauben, dass durch ihren Tanz die toten Büffel wiederkehren. Und sie warten auf den Messias, genau wie ihr - nur das Kicking Bears Messias nicht irgendwann, sondern nächste Woche wiederkehrt.'¿Und wenn nicht?'¿Dann eben übernächste Woche und immer so weiter. Unsere Religion ist genau wie eure aus der Not seines Volkes geboren, und das Paradies ist eine Spiegelung dieser Nöte. Deshalb glaubt ihr an euren Garten Eden, die Mauren haben ihr zweiundsiebzig Jungfrauen, und wir glauben an die Wiederkehr unserer Büffel. Was ist falsch daran.'"An dieser Stelle könnte auch die herausragende Beschreibung "kleiner Könige" stehen. Könnte ...