
Besprechung vom 14.02.2026
Das Neue an den neuen Zeiten
Wie unschuldig kann man sein? Norbert Gstreins Roman "Im ersten Licht" erzählt von einem nur scheinbar im zwanzigsten Jahrhundert Davongekommenen.
Er ist so alt wie das zwanzigste Jahrhundert, geboren 1901: Adrian Reiter, Held und Antiheld des neuen Romans von Norbert Gstrein. Das Buch heißt "Im ersten Licht", und auch das verweist auf den Anbruch einer Zeitspanne, aber auch auf eine Bibelstelle, Hoheslied 2,17, die spät im Roman, wir sind mittlerweile im Jahr 1967 angelangt, auf dem Grabstein eines 1917 bei Ypern getöteten englischen Soldaten eingemeißelt wird: "Until the day dawns and the shadows flee away". Luther übersetzte es mit "Bis es Tag wird und die Schatten schwinden", die deutsche Einheitsübersetzung dagegen lautet heute "Wenn der Tag verweht, und die Schatten schwinden". So lange währt die besungene Liebe: in der aktuellen Fassung einen ganzen Tag lang oder ein ganzes Leben, bei Luther aber noch viel länger, nämlich durch die ganze Nacht hindurch, also für die Ewigkeit des Todes.
Der Soldat ist nicht gefallen, sondern hingerichtet worden, von den eigenen Leuten wegen angeblicher Feigheit vor dem Feind. Seine Schwester Vivian, damals erst vier Jahre alt, bemüht sich ihr Leben lang um dessen Rehabilitation. Adrian begleitet sie ein Stück dieses Lebens, denn das Urteil über Vivians Bruder ist in gewissem Sinne auch eines über ihn: Adrians Vater hatte ihm im Ersten Weltkrieg mit der Axt in den Unterschenkel gehackt, womit der Sohn untauglich für die Front wurde. "Ein Unfall oder auch nicht, es gab keinen Zweifel, was geredet wurde: 'Ein goldener Hieb', und seither hinkte Adrian, weil die Wunde schlecht verheilt war."
Und so hebt das Buch an mit dem Satz: "Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren." Das fasst die ganze folgende Handlung von mehr als vierhundert Seiten zusammen, in der wir den Lebensweg des Adrian Reiter, des Österreichers mit dem ritterlichen Namen und der traurigen Gestalt, verfolgen, der den Lehrberuf ergreift, für Geschichte und Englisch. Das dritte Mal wird es sich um den exekutierten Briten gehandelt haben, von dem ihm nur erzählt wurde, das zweite Mal um einen ehemaligen Lieblingsschüler, der als fanatischer NS-Anhänger Frau und Kind im Zweiten Weltkrieg verliert und sich 1957 umbringt, das erste Mal aber um die unmittelbare Konfrontation mit Menschen, die den Krieg im Antlitz tragen: solche seiner Alterskohorte, die im Granatfeuer standen, dessen Splitter ihre Gesichter zerstört haben - gueules cassées, zerschlagene Fressen, hat der französische Volksmund diese Versehrten genannt, und die Fotos in dem berühmten Buch "Krieg dem Kriege", das der Pazifist Ernst Friedrich 1924 herausbrachte, hat sie all denen gezeigt, die nicht glauben mochten, wie Menschen Menschen zurichten können. Adrian indes wusste das schon, denn in seinem Heimatort bei Salzburg sind nach 1918 solche Gesichtsversehrte untergebracht.
Davon erzählt Gstrein im ersten Teil seines Buchs, und er tut es mit einer Intensität und einem beschreibenden Geschick, die den Vergleich mit Arno Geigers bislang unvergleichlichem Roman "Unter der Drachenwand" aushalten, der in derselben Region während des Zweiten Weltkriegs angesiedelt ist. Wie da die Berglandschaft zum Spiegelbild der zerklüfteten Gesichter wird, die Isolation der Kriegskrüppel zur Fortsetzung des Leids, die einen nach dem anderen doch noch in den Tod treibt, wie aber auch Adrian, der gerettete Krüppel, ins Leben und in die Liebe zu hinken versucht, das ist mitreißend. Zumal ihm einer der Versehrten, Ernest Eller, vor Ausbruch des Kriegs wie der Inbegriff des Glücks erschienen war, auch materiell. "Das Neue an den neuen Zeiten war jedoch auch, dass sich nicht mehr alle Probleme mit Geld lösen ließen, und so recht das Adrian auf den ersten Blick sein musste, so sehr erschreckte es ihn, je länger er darüber nachdachte und je klarer ihm wurde, was das bedeutete."
Der zweite Teil führt dann vor, was es bedeutet: mit Auf- und Abzug des Faschismus. Aber er fällt ab gegen den ersten, auch weil schon von anderen Autoren so viel erzählt worden ist über diese Zeit und die Figur des fehlgeleiteten Schülers Martin Baumgartner wie das Abziehbild eines NS-Fanatikers wirkt. Adrian immerhin findet eine Frau, aber nicht die Liebe; er bleibt Beobachter aller Schrecken, und die Leitfrage von Gstreins Roman, wie es sich verhält mit einem Davongekommenen, der nicht weiß, ob er es verdient hat oder sich dafür schuldig fühlen soll, wird hier zu eindeutig beantwortet, weil Baumgartner ihm Kunde von den deutschen Massakern im Osten bringt und damit jeden Rückzug auf Unschuld unmöglich macht. Auch das kennen wir: aus Durs Grünbeins "Der Komet". Wo aber dort der Einbruch des Wissens ein Milieu der Arbeiterklasse betraf, nicht das akademische von Adrian Reiter. Ihm nimmt man die Erschütterung schwerer ab.
Der dritte Teil macht die schon im Unterrichtsfach Englisch sichtbar gewordene Liebe zur britischen Kultur, die sich auch Ernest Ellers englischer Mutter verdankt, und zu Vivian zum Leitthema. Hier sind wieder die Stärken des ersten Drittels zu lesen, und in den Downs, der Flachlandschaft Südostenglands, findet der Roman ein Äquivalent zur landschaftlichen Symbolfunktion der Alpen vom Anfang - auch im Tonfall von Gstreins Beschreibung. So verbinden Motivstränge das Buch - ein weiteres wichtiges sind die immer wieder auftauchenden Pferde, bis hin zur Debatte um die NS-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, die in den Achtzigerjahren zu dem berühmten Schmäh führte, dass nur sein Pferd in der SA gewesen sei.
Zu diesem Zeitpunkt ist Adrian Reiter auch in den Achtzigern und erhofft sich den Besuch von jemandem, der zu leisten versteht, was er selbst nicht zustande bringt: seine Geschichte aufzuschreiben. In seinem Schlafzimmer hängt das Bild eines liebenden Engels, der im Morgenlicht ein Schlachtfeld abgeschritten hat - "zu spät gekommen". Adrian hängt es ab und dreht es zur Wand. Das ist das Zeichen, dass für ihn noch einmal etwas beginnt, und so führt das Ende des Romans an dessen Anfang. ANDREAS PLATTHAUS
Norbert Gstrein: "Im
ersten Licht". Roman.
Hanser Verlag,
München 2026.
415 S., geb.
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