4,5/5 Sternen
Was für eine wilde Fahrt, was für ein fantastischer Debütroman!
Natalie ist Influencerin, geliebt (und beobachtet) von Millionen Fans.
Ihr sorgfältig inszenierter einfacher und ursprünglicher Lebensstil als Trad Wife mit eigener Farm und ihre große, scheinbar heile Familie haben ihr Ruhm in den sozialen Medien eingebracht. Doch je größer der Ruhm, desto größer auch der Druck, Perfektion darzustellen. Ihr ganzer Alltag ist bis ins kleinste Detail konstruiert. Und das ist auch nötig, denn die reale Natalie hat mit der liebenden Ehefrau und aufopfernden Mutter kaum Ähnlichkeiten.
Und dann wacht sie plötzlich im 19. Jahrhundert auf. All die (vor ihren Followern versteckten) Annehmlichkeiten des modernen Lebens sind weg, die Nannys sind weg, die Farmhelfer sind weg es bleiben verschlissene Kleidung, eine Außentoilette, ein eisiges und heruntergekommenes Zuhause und täglich stundenlang harte Arbeit.
Natalie versteht nicht, was passiert ist: Steckt sie unwissentlich in einer Reality-Show fest? Ist sie durch die Zeit gereist?
Tradwives sind seit geraumer Zeit auf Social Media sehr präsent und haben gefühlt ein Stück weit den Mommy-Blogger-Boom abgelöst (hello Ruby Franke und Ballerina Farm). Perfekt gekleidet, streng christlich, (MAGA), immer mit einem Lächeln im Gesicht, präsentieren sie sich als die perfekten Mütter und Ehefrauen.
Mit dem Wissen, dass ein Leben in völliger Unterwerfung unter den Ehemann/und Gott für viele Frauen tatsächlich Realität ist, kommt man bei diesen Online-Präsenzen als Außenstehender dennoch nicht umhin, sich zu fragen, wie viel von dem, was dort dargestellt wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht.
Das Buch gliedert sich in drei Teile: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Den größten Teil nimmt die Gegenwart ein, in der wir in abwechselnden Kapiteln erleben, wie Natalie ihr Leben (räusper ihr Unternehmen) aufbaut und wie sie mit dem Leben in der Pionierzeit klarkommt.
Ich fand beide Zeitstränge gleichermaßen spannend und konnte das Buch kaum aus der Hand legen.
Natalie ist ein interessanter, komplexer Charakter, und auch wenn sie sich schon auf den ersten Seiten unbeliebt macht, fand ich ihren Ehemann und generell das System, in dem sie aufgewachsen ist und feststeckt, mindestens genauso schlimm. In Natalies Kopf blicken zu dürfen und ihre inneren Monologe zu erleben, fand ich sehr unterhaltsam.
Es werden viele Themen im Laufe der Geschichte angesprochen: Religion und Glaube, Verschwörungstheorien, postpartale Depression, mentale Gesundheit, Misogynie, die Scheinwelt der sozialen Medien sowie der Druck, eine Frau und Mutter zu sein.
Die Autorin geht bei der Schilderung dieser Themen sehr schonungslos vor, was mir gut gefallen hat.
Das Ende fand ich sehr gelungen.
Ich habe durchweg versucht herauszufinden, was da vor sich geht, und mich gefragt, wie die Autorin die beiden Zeitlinien zusammenführen wird auf den Twist bin ich aber tatsächlich nicht gekommen.
Volle 5 Sterne gibt es von mir nicht, vor allem weil es eine bestimmte Szene gab, die einen sehr bitteren Beigeschmack hinterlassen hat.
Ich kann das Buch absolut empfehlen, denke aber, dass der Lesespaß unter anderem davon abhängt, wo man sich selbst politisch/religiös einordnet. Für Tradwives ist das Buch sicherlich nichts