La Lapiniére - der Kaninchenstall - so heißt eine heruntergekommene Wohnanlage in der fiktiven Industriestadt Vacca Vale in Indiana. Die Stadt ist vom wirtschaftlichen Niedergang geprägt und die meisten Menschen leben in Armut. Im Mittelpunkt des Romans steht die 18 Jahre alte Blandine Watkins. Sie lebt mit 3 jungen Männern in einer WG zusammen - alle 4 waren als Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien und bei allen hat das Pflegesystem nach und nach versagt. Trotz allem ist Blandine hochintelligent und von mittelalterlichen christlichen Mystikerinnen fasziniert. Im Roman wird aber nicht nur über wenige Tage hinweg Blandines Leben verfolgt, sondern auch die vieler anderer Bewohner der Wohnanlage. Und so treffen wir auch auf eine junge, überforderte Mutter oder einsame ältere Menschen. Zunächst wirkt der Roman daher ein wenig so, als ob sich lediglich einzelne Kurzgeschichten über die Bewohner aneinanderreihen. Allerdings merkt man bald, dass sich die Geschichten überschneiden, und letztendlich eint alle Figuren eine Sache: Sie sind Außenseiter und aus dem Gesellschaftssystem gefallen. Jeder Charakter ist in gewisser Art psychisch belastet, isoliert und von gesellschaftlicher Vernachlässigung geprägt. Die Handlung des Romans steuert schließlich auf einen gewaltsamen Höhepunkt zu - was schon gleich im ersten Kapitel vorweggenommen wird.Zugegeben, man muss sich schon ein bisschen darauf einlassen, den Roman zu lesen. Es ist keine klassische Unterhaltungslektüre und es gibt auch keine klassische Spannungshandlung. Die Personen im Roman wirken eher so, als würden sie gesellschaftliche Zustände verkörpern, als echte, greifbare Charaktere. Auch formal ist der Roman experimentell: Gunty springt zwischen Perspektiven, Neben- und Hauptfiguren, Erinnerungen, Monologen und Dokumenten. Manchmal war mir das etwas zu chaotisch. Letztendlich verbindet der Roman Sozialrealismus mit religiöser Vision und Satire. Viele gesellschaftliche Themen kommen zu tragen, wie Einsamkeit, Armut und das Scheitern sozialer Systeme, Gewalt gegen Frauen, Vernachlässigung oder das Versagen von Institutionen und Erwachsenen, wenn es darum geht, verletzliche junge Menschen zu schützen. Und über allem die Fragen, wie und ob Menschen in einer zerfallenen Gesellschaft miteinander verbunden bleiben. Die Sprache des Romans ist sehr außergewöhnlich und besticht durch ihre Symbolkraft, Vielstimmigkeit und Intellektualität. Manchmal war mir der Stil aber etwas zu gewollt kunstvoll und akademisch. In der Summe ein starkes Debut, das viele wichtige gesellschaftliche Themen anspricht und sprachlich und formal außergewöhnlich ist. Trotzdem ein Roman, auf den man sich einlassen muss und der mir etwas zu akademisch und experimentell war.