Was passiert, wenn jemand stirbt, der einen nicht traurig, sondern wütend und enttäuscht zurücklässt? Eine pensionierte Lehrerin fühlt sich betrogen und allein gelassen, nachdem sich ihr todkranker Ehemann das Leben genommen hat. Meine Befürchtung, eine Geschichte über Trauerbewältigung könnte mich mental herunterziehen, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Sie hat mich so berührt, dass ich nach der Lektüre noch eine Weile innehalten musste.Als der obdachlose Klempner Jack, Marlenes ehemaliger Schüler, bei ihr einzieht, ahnt man schon, dass dies ihr Leben verändert wird. Das geschieht allerdings in feinen Nuancen, die die Autorin unglaublich gut beschreibt. Bestürzt liest man, dass alles, was in der Zukunft liegt, für Marlene nicht relevant ist, denn sie plant ihren Suizid. Man merkt jedoch, wie ihre Wut und ihr Widerstand gegen alle und alles, was sich ihr dabei in den Weg stellen könnte, spürbar abnimmt. Dafür sorgen vor allem der einfühlsame Jack, der sich nicht aufdrängt, aber ein wachsames Auge auf sie hat, und ihre Hausärztin Ida, die sich beide näher kommen.Die kleinen Momente, die Marlene vorsichtig annimmt, ja geradezu als schön empfindet, auch wenn sie es sich nur schwer eingestehen kann, stechen besonders heraus und machten die anfangs sarkastische und selbstzerstörerische Figur für mich immer nahbarer. Die feine Balance zwischen Schwere und Humor in dieser lebensbejahenden, warmherzigen Geschichte hat mir sehr gefallen.