"Mädelsabend" ist das zweite Buch, das ich von Anne Gesthuysen gelesen habe. Wie auch "Wir sind doch Schwestern" hat es mir gut gefallen. In beiden Büchern geht es um starke Frauen und wie sie ihren Weg in einer männerdominierten Welt meistern. In diesem Roman begleiten wir Ruth und ihre Enkelin Sara. Die beiden stehen sich sehr nahe. Nach einem Sturz können Ruth und ihr Mann Walter nicht mehr in der alten, abgelegen Haus wohnen und ziehen ins betreute Wohnen. Während Ruth sich rundum wohlfühlt, erleichtert ist den schwierigen Alltag nicht mehr alleine schmeißen zu müssen und sogar seit langem wieder soziale Kontakte knüpft, ist Opa Walter komplett unzufrieden und möchte nach Hause. Das der Singkreis seine Frau "emanzipiert", geht seiner Meinung nach gar nicht. Und so fragt Ruth sich kurz nach der eisernen Hochzeit, ob 65 Ehejahre den nicht genug sind. Eine unfassbar lange Zeit, die nicht nur von Glück geprägt war sondern auch viele Tiefen bereithielt. Ihre Enkelin Sara hat vor kurzem einen Sohn geboren und versucht ihren Job als engagierte Ärztin und fürsorgliche Mutter unter einem Hut zu bekommen. Lars, ihr Partner, steht ihr treu zur Seite und kümmert sich wirklich aufopferungsvoll um Paul. Als Sara die Chance bekommt nach Cambridge zu gehen um an einer großen Studie mit zu forschen, wird ihre Beziehungen auf eine harte Probe gestellt... Als ich nach diesem Buch mit dem so sommerlich schönen Cover griff, habe ich nicht gedacht, dass mich diese Buch so berühren würde. Ich dachte, dies wird ein locker leichter Sommeroman; doch es wurde aber so viel mehr. Mitfühlend, packend und nicht überzogen schreibt die Autorin über eine Zeit, in der die (Ehe)Frauen noch als Eigentum des Mannes angesehen wurden. Das Ruth ihrem Mann morgens die Kleider rausgelegt hat und sich quasi abmelden musste, wenn. Sie außer Haus ging, ist für mich unvollstellbar. Auch über die Schikanen, die sie durch ihren Schwiegervater erleiden musste, zu lesen, war teilweise ganz schön heftig. Da muss sich nicht nur Ruth ins Gedächtnis rufen, dass Walter auch gute Seiten hatte. Auch die Frage, in wie weit Ruth mitverantwortlich war für die Geschehnisse, wird gestellt. Sehr bewegt hat mich der Gedanke, dass sie es sich in dem Gefängnis eingerichtet hatte, obwohl sie einen Schlüssel in der Hand hatte. Und Ruth stellt sich die Frage, was sie anders gemacht hätte - oder aber ob sie das Leben, das ihre neuen und alten Freundinnen geführt haben, überhaupt Leben wollte. Einiges, besonders dieses nicht mit und ohne einander können, hat mich an meine eigenen Großeltern erinnert und mich zum nachdenken gebracht. Sara hingegen lebt das Leben, dass wohl viele Frauen kennen. Zwischen Familie und Job hin und her gerissen stellt auch sie sich die Frage was es braucht, damit sie ein glückliches und erfülltes Leben führt. Zum Glück kann sie sich auf den Rat ihrer Oma verlassen. Auch Saras Abschnitte im Buch haben dazu beigetragen, mich selbst und meine Beziehung von einer anderen Seite zu betrachten und mich zu fragen, was für eine Ehe, besser gesagt was für ein Leben ich führen möchte. Trotz der teils beklemmenden und traurigen Berichte verfügt das Buch über einen feinen Humor. Besonders die alten Damen haben es faustdick hinter den Ohren. Immer Mal wieder wird im Dialekt erzählt, dem könnte ich aber super folgen. Wer also Geschichten mag, wie sie nur das Leben schreiben kann und sich für das Leben vor nicht allzu langer Zeit interessiert, hat hiermit ein wirklich tolles Buch zur Hand.