Der Titel des Buches so ungewöhnlich, Klappentext hat mich sofort gefesselt. Nun habe ich das Buch geschafft, es war kein leichtes Lesen, aber es hat sich gelohnt. Hier schrieb ein KEINER einen Roman, hier schreibt eine KEINE die Rezension dazu. Boris Schumatsky ist gebürtiger Moskauer, ein jüdisch-russisches Kind wie viele andere auch. Ich bin ein Kind Ostberlins. Was ihn und mich verbindet, ist nicht genetisch, die jüdischen Prozente sind vollkommen unwichtig, sondern es ist ein Konglomerat aus Erfahrungen, Erziehung, Erlebtem, Gelesenem, Gehörtem, aus einem starken Interesse am Jüdischen, das sich daraus entwickelt hat. Dass er heutige Politik, den Ukraine-Krieg, den 7. Oktober 2023, den Antisemitismus, den er erlebt, über den er täglich liest und hört, mit seiner Kindheit und Jugend, mit seiner Biografie verbindet und zusätzlich die tragische Geschichte Paul Celans in seinen Roman einfließen lässt, macht die Rezeption nicht unbedingt leichter. Aber alles ist für das Verständnis seiner Texte notwendig. Auch in meinem Wohnzimmer steht gut sichtbar ein Chanukkia, ein Geschenk meiner Mutter, sie hat ihn in Westberlin nach dem Mauerfall bei einem Trödler entdeckt und für mich gekauft. Boris Schumatsky kaufte seinen im Internet, nach jenem furchtbaren 7. Oktober, erst da kam ihm überhaupt der Gedanke. Bisher hat noch niemand an unseren Leuchtern Anstoß genommen, auch an meinem Chanukkia gehen die Handwerker achtlos vorbei.
Im Roman lernen wir Natalia kennen, sie wohnt in Moskau zwei Etagen unter Boris und ist mit seiner Mutter befreundet. Was sie besonders macht, ist ihr Leben davor, in Paris. Das ist etwas so Exotisches, dass es allseitiges Interesse erweckt, nicht nur bei Freunden und Bekannten, da hat wohl auch der KGB sein Ohr offen. Mit Natalia wird der Boris im Roman langsam erwachsen und Natalia hat einen willigen Zuhörer für ihre Geschichten gefunden. Dabei dreht sich immer alles um das Epizentrum Paul Celan. Im Hotel dOrléans, in dem er Unterschlupf fand in Paris, war Natalia die sich in Frankreich natürlich Nathalie nennt eine unscheinbare Concierge, putzte und machte ihm die Betten. Ihre Neugierde und ihre Zuneigung zu diesem ungewöhnlichem Mann überwiegen jede gute Erziehung, Natalia horcht und schnüffelt, macht daraus amouröse Szenen und berichtet Jahre später Boris, der wahrscheinlich mit aufgerissenem Mund zuhört, was sich in Paris alles abspielte. Denn Celan wäre nicht Celan, wenn er nicht neben seinen Gedichten auch andere Leidenschaften gehabt hätte. Besonders die für Ingeborg Bachmann ist literaturbekannt, seine literarischen Bekanntschaften zu Heinrich Böll und Max Frisch sind es auch. Er landet in der Gruppe 47, aber so ein jüdischer Denker wird nicht nur dort skeptisch betrachtet. Irgendwann lernt er Gisèle kennen, heiratet sie und zieht aus dem Hotel endlich aus. Glücklicher macht ihn das nur zeitweise. Auch seine ambivalente Beziehung zu Claire Goll, die ihn ziemlich übervorteilt und in den Dreck gezogen hat, wird in Teilen beschrieben. Ich kannte Claire Goll als Bekannte, Freundin, Widersacherin von Marc Chagall, aber auch als Ehefrau von Yvan Goll. Die Pariser Befindlichkeiten, Freundschaften und Feindschaften zwischen Literaten, Künstlern und Zugezogenen bereichern nicht nur Schumatskys Roman, man liest häufig in unterschiedlichen Zusammenhängen und in unterschiedlichen Büchern davon.
Aber zurück zu Boris, der in der Riesenstadt Moskau aufwächst und je näher sein 18. Geburtstag rückt, umso mehr bedrückt ihn die nahende Zukunft. Die hieße Einberufung zur Armee, zum Grundwehrdienst. Hier beginnt Angst das Buch zu überfluten. Angst zu sterben, Angst zu überleben. Die Angst der Mutter um den Sohn. Über die russische Armee wird, seit es sie gibt, spekuliert, berichtet, geflüstert, sie ist jetzt das Aushängeschild des Putinschen Krieges gegen die Ukraine. Sie verbreitet Angst und Schrecken, lange bevor sie tatsächlich vor Ort ist. Das war 1945 so, das war in Afghanistan und Tschetschenien so, das ist heute so. Wie hält man das aus? Jeder weiß es, viele halten es nicht aus.
Auch Celan hat seine Angst nicht ausgehalten.
Boris wird Moskau verlassen, in Berlin wird er jede Angst versuchen zu unterdrücken. Ob und wie ihm das gelingt? Dass er sich, genau wie ich in meiner Jugend ein Palästinensertuch um den Hals schlang, erst später begriff, welche Symbolik es innehat, wenn man es trägt, gehört zu den merkwürdigen Gemeinsamkeiten, die ich in diesem Buch für mich fand. Nun aber keine Spoiler mehr.
Der Erzählstil von Schumatsky muss erobert werden wie eine Festung, zu Beginn benötigte ich einige Zeit, um eine Verbindung zum Buch, zu Boris, zu Natascha aufzubauen, aber je länger ich las, umso tiefer glitt ich in seine Denkweise, seine Sätze hinein. Für mich ist allein die Vorstellung schwierig, dass Schumatsky Russisch, nicht Deutsch als Muttersprache hat. Sein Schreiben ist eine wirkliche Meisterleistung, ich bin ehrlich begeistert. Dass auf manchen Seiten das kalte Grauen lauert, darauf war ich so nicht vorbereitet. Um aber Angst und Hoffnung zu verstehen, muss man alles lesen, auch wenn manches etwas ausufernd beschrieben wird und Kraftausdrücke eine Normalität zeigen, die beängstigend ist.
Das Buchcover ist sehr unauffällig, zerrissenes, fasriges Papier, darunter ein Blau, das an Himmel und Meer erinnert, der Bezug von Seine und Schwarzem Meer ist eher ideel. Aber auch Boris Papierschiffchen könnte von Moskau nach Paris oder ans Schwarze Meer reisen. Die Typografie ist klassisch, die Schrift für mich eher etwas zu klein, der Druck auf dem sehr saugstarken, leicht getönten Papier manchmal etwas schwach. Dafür hat das Buch aber ein blaues Lesebändchen, das ich sehr liebe.
Wenn mich nun jemand fragt, warum ich so begeistert, so berührt und so traurig bin nach dieser Lektüre und die Bewertung trotzdem nur vier Sterne enthält und keine glorreichen fünf, dem antworte ich mit einem Zitat aus dem Buch (S. 298) , weil ich allmählich den Faden oder das Interesse verlor. Und ich sage, dass meine vier Sterne ein hohes Lob sind für ein Buch, das versucht, alle Probleme nicht nur die jüdischen des vergangenen Jahrhunderts und unserer Jetztzeit zu verstehen und das auch noch interessant und tiefgründig aufs Papier zu bringen, in einer Stadt, die nicht seine Heimat ist, in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, immer mit dem unausrottbaren Gespenst des Antisemitismus im Hinterkopf und der dem Leser mitgibt, dass man mit Äquidistanz seine Haut nicht retten kann.
Fazit: Boris Schumatskys verknüpft seinen autofiktionalen Roman mit einem biografischen Roman über Paul Celan, eingebunden in Geschichten, Briefe, Träume und Gedichte, die feinfühlig und brutal, liebestrunken und hasserfüllt sind, die einem unter die Haut und in die Seele fahren wie glühender Stahl. Egal, ob man jüdische Wurzeln hat oder nicht. Vier Sterne, hochverdient.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.