Mit dem "Anschluss" ist alles vorbei. Emilie Flöge verliert ihre vermögenden Kundinnen und muss ihren Kleidersalon schließen. Milena Jesenská wohnt da schon längst wieder in Prag. Sechs karge Jahre hat sie in Wien verbracht. Veza Canetti ist wie Emilie Flöge in Wien geboren, muss aber 1938 vor den Nazis fliehen.
Kris Lauwerys hat die Wiener Lebensgeschichten der drei Frauen in seinem Buch mit der Geschichte der Stadt verwoben. Frauen, die sonst gern als Muse von ... oder Freundin von ... oder Ehefrau von ... beschrieben werden, bekommen hier ihren prominenten Platz.
Für Lauwerys sind sie Ankerfiguren für bestimmte Zeitabschnitte in seiner Wien-Erzählung. Die reicht vom viel beschriebenen Fin de Siècle über die Erste Republik und den Austrofaschismus bis zur Machtübernahme der Nazis.
Emilie Flöge (1874-1952) lernt Schneiderin. Durch ihren Bruder kommt sie in Kontakt zu Gustav Klimt, mit dem sie später eine lebenslange Partnerschaft eingeht. Die drei Flöge-Schwestern eröffnen einen Modesalon. Emilie entwirft Kleider, über die viele zunächst die Nase rümpfen, die aber später ihr Markenzeichen werden, sogenannte Reformkleider. Weit fließend, ohne Korsett zu tragen. Der Salon wird berühmt. Emilie stattet die Damen der Gesellschaft aus, Klimt malt sie. Wie sie zu seinen Affären steht, weiß man nicht. Sie führt ein unabhängiges Leben und eine "offene Beziehung".
Milena Jesenská (1896 -1944) ist zwangsweise in Wien gelandet. Ihr Vater lehnt ihre Heirat mit dem jüdischen "Dichter ohne Werk" Ernst Polak ab, sperrt sie ein Jahr lang in eine Heilanstalt. 1918 muss sie Prag auf Geheiß ihres Vaters verlassen. Die "offene Ehe" mit dem rücksichtslosen Gatten macht ihr schwer zu schaffen. Sie sieht aus "wie sechs Bände Dostojewski", sagen ihre Freunde. Aus ihrer Armut schreibt sie sich mit Artikeln für tschechische Zeitschriften heraus. 1920 fragt sie Kafka, ob sie seine Erzählung "Der Heizer" übersetzen dürfe. Sie darf. Der berühmte Briefwechsel beginnt.
Veza Canetti (1897-1963) ist vielleicht die am wenigsten bekannte der drei porträtierten Frauen. Sie stand zu Unrecht im Schatten ihres Ehemanns, des Nobelpreisträgers Elias Canetti. "Noch mindestens bis in die Dreißigerjahre [...] galt er nur als der Mann der Schriftstellerin". Eine "offene Ehe" auch hier: Mit den Geliebten ihres Mannes ist sie sogar befreundet. Mit Schmerzen.
Neben den Porträts der drei Frauen entwirft Lauwerys das der Stadt Wien, von ganz oben bis ganz unten.
Informativ, anregend und anschaulich verpackt dargeboten. Zum Weglesen und zum Nachlesen. Ein feines Wien-Buch!
Mit einigen Fotos der porträtierten Frauen und einem umfangreichen Literaturverzeichnis im Anhang.
Übersetzt von Annette Wunschel.