Eine Familiengeschichte in Zeiten großer sozialer und politischer Umwälzungen.
Es sind große Hoffnungen und genügsame Träume, die Zuzanna und Adam Koszy¿ski Ende des 19. Jahrhunderts aus ihrer Heimat Westpreußen ins ferne Ruhrgebiet treiben. Hier, im Industrie-strotzenden Dortmund, wollen sie wie so viele ihrer Landsleute den Schritt in ein neues, ein besseres Leben wagen. Adam findet rasch Arbeit in der Maschinenfabrik, Zuzanna kümmert sich um das Häuschen und die kleine Tochter Ania, die man flugs in Anja umbenennt - so klingt's doch gleich deutscher! -, desgleichen wird verräterische Nachname Koszy¿ski alsbald in Kosshofer geändert. Denn: "Mit -ski ist's schon aus! Ja, mit -ski bist du der dumme, dreckige Pole, der noch in Erdhütten lebt." (S. 34) Es könnte alles in allem ein vielversprechender Neuanfang werden, wenn - ja, wenn Adam nicht einen schweren Arbeitsunfall erlitte und das bescheidene Auskommen der kleinen Familie auf dem Spiel stünde. Wenn den "Ruhrpolen", so begehrt und benötigt ihre Arbeitskraft auch sein mochte, nicht allenthalben mit Vorurteilen, Herablassung, Ressentiments begegnet würde. Und wenn da nicht diese innere, seelische, inkurable Zerrissenheit wäre, die ein Abschließen mit der einen Identität und ein Ankommen in der Neuen so furchtbar schwierig machte ... Doch Adam und Zuzanna lassen sich nicht unterkriegen. Mit einer ebenso bewunderns- wie liebenswerten Mischung aus Beharrlichkeit und Stoizismus trotzen sie den Widrigkeiten und Unbilden, erfreuen sich an der stetig wachsenden Nachkommenschaft und ergreifen beherzt Gelegenheiten beim Schopfe. Sie bahnen sich unbeirrt ihren Weg - und ebnen ihn für ihre Kinder und Enkel.Mit "Ruhrgemüse, polnisch" spürt Birgitta M. Schulte den Wurzeln ihrer eigenen Familie nach und nimmt ihre Leserschaft mit in eine Zeit, die im Grunde genommen gar nicht so lange her ist - und doch in einer vollkommen anderen Welt zu spielen scheint. Über einen Zeitraum von knapp vierzig Jahren begleiten wir Zuzanna, Adam und ihre Nachkommen bei ihren alltäglichen Sorgen und Freuden, Herausforderungen und Chancen, die scheinbar so klein und privat, tatsächlich aber kultur- und epochenumspannend sind. Denn diese vier Jahrzehnte von 1893 bis 1931 sind eine Zeit größter Umwälzungen, sodass die Familiengeschichte der Koszy¿ski/Kosshofers gleichzeitig ein Stück Industrie- und Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte widerspiegelt. "Ruhrgemüse, polnisch" ist ein besonderer Roman, den ich ganz besonders all jenen ans Herz legen möchte, die polnische Wurzeln haben und in der Erzählung ein kleines - oder auch größeres - bisschen ihre eigene Familie wiederfinden.