New Hampshire, Ende der 1990er: Isabel Rosen befindet sich in ihrem letzten College-Jahr und fühlt sich verloren. Sie würde gerne Schriftstellerin werden, doch ihr fehlt das Geld und die Beziehungen, ihren Traum ernsthaft zu leben. Von ihren Mitbewohnerinnen und Freundinnen fühlt sie sich entfremdet und nach einer uneindeutigen sexuellen Begegnung mit einem Kommilitonen überdenkt sie ihre Vorstellungen von Lust und Einvernehmlichkeit. Als ihr Kurs im Kreativen Schreiben außerplanmäßig von dem ihr unbekannten Prof. Connelly übernommen wird, fühlt sich Isabel direkt zu ihm hingezogen. Die beiden beginnen eine Affäre, treffen sich heimlich in seinem abgelegenen Büro und geben vor, dass ihre Beziehung außerhalb der College-Sphäre existiert. Doch der Campus wird erst von der Scheidung der Fachbereichsleiterin für Anglistik in den Bann gezogen, dann vom Verschwinden ihres Ex-Mannes und der gemeinsamen Tochter erschüttert. Und Isabel erkennt, dass Connelly in diesem Drama eine ganz eigene Rolle spielt...Daisy Alpert Florin erzählt in Mein letztes Jahr der Unschuldeinealtbekannte Geschichte: Junge Studentin strauchelt und trifft auf etablierten Professor. Sie hat Träume und sucht ihren Weg, er hat eine Karriere hinter sich und eine Frau zu Hause. Sie weiß, dass es falsch ist und fühlt sich gerade dadurch zu ihm hingezogen; er hat das natürlich noch nie gemacht und ist von ihrem Talent hingerissen. Aus Förderung wird Nähe, wird Vertrautheit, wird Sex. Und das Ganze endet - und ich denke, hier spoiler ich nicht zu viel -, wie diese Geschichten nun einmal enden.Mein letztes Jahr der Unschuldist - wie der Titel schon fast plakativ verdeutlicht - eine typische,am College angesiedelte Coming-of-Age-Story, die sich um Consent, Machtausübung und Geschlechterverhältnisse dreht.Und gerade hier liegen die Probleme, die ich mit dem Roman hatte:die Affäre wird nicht kritisch eingeordnet und damit meine ich nicht, dass Ehebruch moralisch verwerflich ist. Connelly ist Isabels Professor, er benotet sie und etabliert sich in ihrem letzten Semester als Person, die sie auf ihrem Karriereweg unterstützen kann. Bei heutigen Leser:innen dürfte ein Störgefühl entstehen, dochAlpert Florin zieht sich konsequent in die Prä-#MeToo-Ära zurückund verweigert jeglichen direkten Kommentar - auch im weiter fortgeschrittenen Teil der Geschichte, als Isabel auf ihre Zeit am College zurückschaut. Die einzige Folie, die den Leser:innen präsentiert wird, ist die Lewinsky-Affäre, die zur gleichen Zeit die amerikanische Politik und Gesellschaft beschäftigt. Die Bewertung von Lewinsky durch Medien, Kommilitonen und Isabel selbst verdeutlicht den Zeitgeist, in dem Isabels Beziehung stattfindet.Die Weigerung, die Thematik Sex und Abhängigkeit zu verhandeln, mag man als authentisch für die gewählte Zeit ansehen, mir hat sich jedoch nicht erschlossen, warum der Roman seine Möglichkeiten nicht nutzt (es gibt neben der Connelly-Affäre noch die Storyline rund um einen Mitstudenten), um gerade die hier existierenden Grauzonen wirklich aufzuzeigen.Stilistisch ist der Roman gefällig, die knapp 330 Seiten sind schnell gelesen. Gleich zu Beginn liegt eineAnspannungin der Luft, die einen weiterlesen lässt. Der starke Fokus auf das Campus-Leben und die hier stattfindenden Skandale - die Scheidung der angesehenen Englischdozentin und erfolgreichen Autorin von ihrem im Schatten stehenden Ehemann - saugt einen zudem schnell in die Geschichte ein. Beinahewie in einem Kammerspielbeobachtet man als Leser:in die Interaktionen zwischen Studierenden und Dozierenden, die Wirklichkeit scheint fast ausgeschlossen - und dennoch kommt man Protagonistin Isabel nicht wirklich nahe. Alles wirkt bedeutungsschwanger und doch erscheint die Geschichte zum Schluss beinahe banal und wenig spektakulär - wäre die oben geschilderte Problematik nicht so offensichtlich.Mein letztes Jahr der Unschuldbeginnt spannend und bedient den menschlichen Voyeurismus zu Beginn geschickt. Letztlich löst der Roman die hier ersonnene Geschichte nicht verantwortungsvoll auf: Die Affäre verkommt zur Anekdote, der Spannungsbogen wird am Ende hastig zum Abschluss gebracht. Für michein schwieriges Buch, bei dem rückblickend meine Kritik überwiegt. 2,5 Sterne.