sorgfältig recherchiertes, überwiegend spannendes Sachbuch mit einem interessanten Konzept, das man so woanders nicht findet
Mein Anlass, um zu Ian Mortimers Sachbuch "Im Mittelalter" zu greifen ist (leider) nicht der, dass ich bald selbst auf Zeitreise gehen werde- ob ich dafür das englische Hochmittelalter des 14. Jahrhunderts, mit dem Mortimer sich in seinem Buch befasst, als Zielzeit wählen würde, ist außerdem eher fraglich (vor allem das Grassieren der Pest hält mich dann doch eher davon ab). Der Grund ist vielmehr der, dass ich seit einiger Zeit das untrügliche Gefühl habe, dass die unzähligen Dokus über das Leben im Mittelalter, mit denen ich großgeworden bin, vielleicht doch nicht ganz sooo dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprachen, wie ich dachte. Zugleich finde ich aber, dass es gut ist, eine Ahnung davon zu haben, wie das Leben in unterschiedlichen Zeiten und vor allem der in Deutschland ja immer noch sehr populären Epoche des Mittelalters tatsächlich war, statt nur Mythen und Klischees im Kopf zu haben. Ich hatte von Ian Mortimer vor ein paar Jahren schon ein vergleichbares Buch über das Alltagsleben in Regency-England gelesen und erinnerte mich, dass er super detailliert schreibt und sich auf gute Quellen aus der Zeit stützt, mit der er sich beschäftigt. Also habe ich "Im Mittelalter", als ich es in der Buchhandlung entdeckte, einfach mal mitgenommen und wurde nicht enttäuscht: Jeder Aspekt des Alltagslebens im England des 14. Jahrhunders wird in diesem Sachbuch, das als Reiseführer für Zeitreisende konzipiert ist, angeschnitten: So gibt es Kapitel über die Mentalität der Menschen, darüber, wie man reiste, sich kleidete, was man aß und auch darüber, wie Gesundheits- und Justizsystem sowie die Unterhaltung aussahen. Mortimer lüftet viele der Mythen, mit denen man durch populäre Darstellungen des Mittelalters in den Medien früher oder später in Berührung kommt, ohne, dass er die Zeit dabei unrealistisch rosig darstellt. Trotz der Kürze des Buches schafft er es immer, zu differenzieren: So schreibt er beispielsweise, dass es zwar schon große Probleme mit Schmutz und Gestank in mittelalterlichen Städten gegeben habe, es aber zugleich unter Androhung hoher Strafen verboten war, seinen Müll auf die Straße zu kippen und die meisten Menschen dreckige Häuser und ungewaschene Leute genauso ekelig fanden wie wir heute. Generell wird die damalige Bevölkerung -anders als sooft- nicht als komisch oder primitiv dargestellt, auch wenn manche Verhaltens- und Denkmuster kritisch hinterfragt werden, genauso, wie man das auch mit der heutigen Gesellschaft tun sollte. Ob man nun im Jahr 1350 viel zu viel Geld für den neuesten tollen Jagdfalken ausgibt oder heute für ein Labubu-Kuscheltier, läuft letztendlich auf dasselbe hinaus. Die Perspektive auf unsere Vorfahren, die Mortimer hier einnimmt, hat mir wie auch schon in seinem Buch über das Regency sehr gut gefallen: Er zeigt, dass sie Menschen wie wir waren, und macht es so möglich, ihre Denkweisen besser nachzuvollziehen. Teilweise hätte ich mir allerdings in Bezug auf die konkret behandelten Themen eine andere Schwerpunktsetzung gewünscht: Statt der schier endlosen Auflistungen, die Mortimer in sein Buch aufgenommen hat, seien es die Laubbäume, die damals in England wuchsen, die unterschiedlichen Mönchsorden, die es im Königreich gab oder mittelalterliche Musikinstrumente, wäre zum Beispiel die konkrete Schilderung typischer Tagesabläufe von Menschen mit unterschiedlicher sozialer Stellung spannend gewesen: Wie sah ein Tag im Leben eines Leibeigenen aus? Wie der im Leben einer adeligen Dame oder einer Nonne in einem Kloster? Überhaupt ist die weibliche Perspektive hier ein bisschen zu kurz genommen. Bereits im ersten Kapitel, in dem man sich vorstellen soll, als Zeitreisender vor den Toren des mittelalterlichen Exeters zu stehen, wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass besagter Zeitreisender männlich ist. Sicher, die Gesellschaft zur Zeit des europäischen Mittelalters war zutiefst patriarchal, aber das ist keine Ausrede, um das Leben der Frauen (abgesehen von einem kleinen Abschnitt im Kapitel über die Mentalität der Menschen, Teilen im Kapitel über Mode und hier und da einem eingestreuten Satz à la "Frauen konnten xy nicht ohne einen Mann") so wenig zu beleuchten. Es wäre gerade interessant gewesen zu sehen, wie Frauen mit dem Leben in einer solchen Gesellschaft umgegangen sind- und wie man sich rein hypothetisch als weibliche Zeitreisende am besten in dieser Welt zurechtfinden könnte, auch ohne männliche Begleitung. Trotz dieser Kritikpunkte lohnt es sich jedoch auf jeden Fall, zu dem Buch zu greifen, wenn man eine seriöse Informationsquelle über den Alltag im Mittelalter sucht, die zugleich jedoch keine trockene Abhandlung ist. Mortimer hat sich bemüht, das Sachbuch nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam zu gestalten: Wann immer es geht, wird auf zeitgenössische Quellen zurückgegriffen, Briefe, Inventarlisten oder Literatur wie die "Canterbury Tales" aus der Feder des berühmten englischen Dichters Geoffrey Chaucer. Ich fand es eine schöne Idee, dass Bezüge zu Chaucers Werken in allen Kapiteln vorgekommen sind und das Buch dann im Kapitel "Was sich zum Zeitvertreib unternehmen lässt" auch mit einem (fast schon einer Lobeshymne gleichenden) Portrait des Dichters geendet hat. Der Bildteil in der Mitte hilft zudem, sich das, was Mortimer beschreibt, besser vorstellen zu können. Insofern ist das Buch auch ein gutes Stück weit "Histotainment" und perfekt für Leute, die etwas lernen, aber auch unterhalten werden wollen. Zusammenfassend ist "Im Mittelalter" ein sorgfältig recherchiertes, überwiegend spannendes Sachbuch mit einem interessanten Konzept, das man so woanders nicht findet. Auf jeden Fall ein lohnendes Buch für Geschichtsbegeisterte, Fans historischer Romane oder Filme und sicher auch für Hobbyautoren, die sich so ein bisschen besser vorstellen können, wie das Leben ihrer Protagonisten in einem mittelalterlichen Setting aussieht.