Als Schmugglerin in der Mondstadt Artemis hangelt sich Jazz Bashara von einem Job zum nächsten, in der Hoffnung, eines Tages das große Geld zu machen. Eines Tages erhält sie tatsächlich ein Angebot, das fast zu gut scheint, um wahr zu sein und sie für den Rest ihres Lebens absichern würde. Allerdings ist es auch brandgefährlich und Jazz ahnt nicht, dass sie, indem sie es annimmt, eine Kettenreaktion in Gang setzt, die die Leben aller Bewohner des Mondes in Gefahr bringt... Die Welt hat erst vor Kurzem voller Faszination die Artemis II-Mission beobachtet und dem Mond nach längerer Zeit wieder ihre Aufmerksamkeit geschenkt, also scheint es an der Zeit, ein unbekannteres Buch von Andy Weir zur Hand zu nehmen, der auch erst vor Kurzem mit der Verfilmung seines Romans "Project Hail Mary" einen Welterfolg feierte. "Artemis" jedoch ist völlig anders als Ryland Grace' Reise in ein fernes Sternensystem. Wie vom Autor gewohnt ist das Buch sehr technisch und wissenschaftlich gut recherchiert und vor allem detailliert, allerdings trotzdem gut verständlich. Das war es dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Während es in den anderen Büchern des Autors nämlich um das schiere Überleben oder sogar die Rettung der Menschheit geht, hat Jazz Bashara keinesfalls besonders ehrenvolle Ziele. Ihr geht es einfach bloß ums Geld verdienen, einen besonders gut ausgeprägten moralischen Kompass hat sie nicht. Dementsprechend ist sie auch nicht die sympathischste Protagonistin, viel eher ist sie ein wenig arrogant und egoistisch. Mit der zeit lernt man aber auch, dass sie unter der harten Schale auch ein Herz versteckt. Manchmal zumindest kommt es kurz zum Vorschein. Ansonsten setzt sie ihren genialen, aber auch erbarmungslosen Instinkt ein. Sie nimmt einen extrem gefährlichen und auch eigentlich beinahe unmöglichen Auftrag an und setzt ihn mit einem beinahe irrsinnig riskanten Plan um und kommt mehr oder weniger sogar damit durch. Doch damit gehen die Probleme erst so richtig los. Denn der Roman ist an der Stelle noch nicht mal zur Hälfte vorbei. Wenn man also ein Abenteuer in Raumanzug, eine Jagd quer über den Mond oder etwas ähnliches erwartet hat, dann wird man ganz schön verwirrt aus der Wäsche schauen. Im restlichen Buch geht es nämlich vor allem um Wirtschaftspolitik, das organisierte Verbrechen und Auftragsmorde. Jazz hat nämlich mit ihrem Anschlag auf die Mondindustrie die komplette Wirtschaft aus dem Gleichgewicht gebracht und sich sehr mächtige Feinde gemacht. Natürlich ist das Buch deswegen nicht langweilig, der Autor macht dem Leser diese unerwartete Handlung durch mehr halsbrecherische Pläne, um dem organisierten Verbrechen das Handwerk zu legen, durchaus schmackhaft und hat sich noch einige spannende Science-Fiction-Elemente dazu ausgedacht, um das ganze auch glaubwürdig zu machen. Außerdem greift er mit dieser Wendung und dem Fokus der Geschichte ein Problem auf, dass nicht nur die Raumfahrtindustrie schon eine Weile beschäftigt: Die Frage "Wem gehört der Mond?" und alle dazugehörigen Probleme, etwa die Macht der Superreichen und der großen Konzerne und der ewige Kampf um die Vorherrschaft. Im Buch schwingt durchaus eine kritische Botschaft mit, auch wenn der Autor sie äußerst zynisch verpackt hat, immerhin ist seine Protagonistin selbst eine (manchmal ziemlich unausstehliche) Verbrecherin, die sich selbst auch bloß bereichern will. Unter dem Strich verbindet dieses Buch Science-Fiction mit Krimi und Thriller und übt ein wenig Kritik, bleibt aber vor allem lange spannend und unvorhersehbar und immer wieder aberwitzig gefährlich. Am Ende hat der Autor es vielleicht ein wenig übertrieben, aber die Handlung ist gut, der Schreibstil gewohnt ironisch, bis manchmal bissig sarkastisch. Mit der Protagonistin und ihren Macken muss man leben können, dann wird man von Andy Weir auch auf dem Mond gut unterhalten. Sein Meisterstück ist dieses Buch aber eher nicht und wer mit der Hoffnung auf den nächsten Astronauten an dieses Buch herangeht, der wird vielleicht nicht hundertprozentig zufrieden sein.