Was zunächst als eine Art Dampfhammer beginnt, wird nach und nach einer klaren und damit gut nachvollziehbaren Analyse mit Ausblick ...
Wie nicht anders zu erwarten, geht es in diesem "Essay" von Richard David Precht nicht um eine ausgewogene Analyse von Einsatzbereichen der Künstlichen Intelligenz (kurz: KI), sondern, um es mit den Worten des Autors zu beschreiben: "Künstliche Intelligenz wurde in den Horizont ihrer problematischen Verwendung gestellt." Allerdings gelingt diese Analyse ebenso profund wie eingängig. Ja nicht nur das. Was zunächst als eine Art Dampfhammer beginnt wird nach und nach einer klaren und damit gut nachvollziehbaren Analyse unterzogen und, wie könnte es "unter Philosophen" anders sein, mit Ausflügen in deren Welt gespickt.Allerdings nie langweilig oder gar belehrend, sondern zu einem viele Aspekte berücksichtigenden Gesamtgebäude zusammengebaut, an dessen Stringenz kaum zu rütteln ist. Dabei bilden Menschenwürde, Menschlichkeit, die Nicht-Abbildbarkeit von Gefühlen sowie der Freiheitsbegriff zentrale Kerne der Diskussion, an denen der mögliche Einsatz der KI zwar ins Leere läuft, allerdings nicht davor schützt, dass Gedanken und Einsatzfelder in dieser Richtung implementiert werden. Insofern sind auch hier politische (und nicht nur technische) Fragen zu beantworten, die das Zwischenmenschliche nicht ad absurdum führen. So fein ziseliert manche Passagen daherkommen, so kräftig wird andererseits auch auf die Kesselpauke geschlagen. Und das gibt diesem Buch, trotz des brisanten Themas, einen insgesamt angenehmen Sound. Es scheint hiernach zwar alles im Fluss und teilweise kaum steuerbar geschweige denn aufhaltbar, doch bei gutem Willen und ein wenig Gedankenarbeit ist es sehr wohl möglich, auch einem Fluss eine etwas andere Richtung zu geben, und nicht der Begradigungsmetapher anheimzufallen, die beispielsweise aus dem einst mäandrierenden Rhein einen begradigten, ausgebauten Fluss gemacht hat. Zwar fließt jetzt alles schneller und die Schiffer freuen sich, aber ist es für das Gesamtsystem wirklich die beste Lösung. Man möge nur die Anrainer fragen oder vielleicht sogar Flora und Fauna. Gegen klug angewendete KI hat auch der Autor nichts einzuwenden.Es gibt ein paar kleinere Mängel, die den Wert des Buches allerdings keinesfalls schmälern. Wenn zum Beispiel von der Evolutionstheorie geschrieben wird, die schon längst keine Theorie mehr ist oder wenn gesagt wird, der Mensch habe sich einer "mühseligen Evolution" angepasst. Mühselig ist sie aus der Betrachtungsweise des Menschen, allerdings niemals aus dem biologischen Prozess heraus. Bereichernd und beeindruckend ist die Sammlung kluger Sätze, die man gleich zwei- oder dreimal unterstreichen möchte. Man möchte sie am liebsten sammeln, um sie immer parat zu haben, als eine Möglichkeit, seine eigenen Gedanken fliegen zu lassen. (11.6.2021)