Rudolf Reichhardts "Rübezahl: Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges" versammelt Sagen und Märchen um jene schillernde Gestalt der mitteleuropäischen Überlieferung, die zugleich Naturdämon, Richter, Spötter und Wohltäter ist. In knapper, volksnaher Prosa entfalten die Texte eine Welt, in der Gebirge, Wetter, Armut, Hochmut und Gerechtigkeit unauflöslich miteinander verbunden sind. Literarisch steht die Sammlung in der Tradition romantischer Volkskunde und der Märcheneditionen des 19. Jahrhunderts, bewahrt jedoch den herben regionalen Ton des Riesengebirges. Über Rudolf Reichhardt ist vor allem seine Rolle als Vermittler volkstümlicher Erzählstoffe bedeutsam. Seine Beschäftigung mit Rübezahl verrät ein Interesse an der kulturellen Gedächtnislandschaft deutscher und böhmisch-schlesischer Grenzräume. Die Figur des Berggeistes bot ihm ein ideales Zentrum: Sie verbindet lokale Topographie mit moralischer Beispielerzählung und erlaubt, soziale Erfahrungen-Not, Betrug, Frömmigkeit, Witz-mythisch zu verdichten. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Märchen nicht nur als Kinderlektüre, sondern als historische Zeugnisse kollektiver Vorstellungskraft verstehen. Es eröffnet einen Zugang zu einer Sagengestalt, deren Wandlungsfähigkeit bis heute fasziniert, und lädt dazu ein, die poetische Macht regionaler Überlieferung neu zu entdecken.