Völlig unplausible Dutzendware
Ich habe "Dann ruhest auch du" von einem lieben Menschen bekommen, mit der Bemerkung, das spiele auf Öland und da sei es in der Tat sehr schön. Was ich noch nicht überprüft habe, aber gerne glaube.Worum geht's? Ermittlerin Maya Topelius kommt privat aus Stockholm, um ihre Eltern in Kalmar zu besuchen. Als die Polizei kurz hintereinander zwei professionell hingerichtete Leichen findet, kann Maya gleich bleiben und ermitteln. Die småländischen Kolleg_innen sind dankbar um Unterstützung, und auch Mayas Partner Pär wird eingeflogen. Bald stoßen die beiden auf eine geheimnisvolle Kommune, auf dubiose Jugendfreizeiten, in denen Tradition und Wikingertum hochgehalten werden sollen und vielleicht sogar auf Mayas Schulfreundin Ingrid, die vor zwanzig Jahren spurlos verschwunden ist.Ich komme nicht umhin zu spoilern, wenn ich sage, was mich alles an diesem Buch stört.Es beginnt mit einer Familie, die einen Neuanfang beschließt. Der erwachsene Sohn ist fasziniert von neurechtem Gedankengut, die halbwüchsige Tochter hat es schwer, wird in der Schule gemobbt, also wollen sie einen Schlussstrich ziehen und ganz von vorn anfangen. Man verschwindet für ein halbes Jahr nach Deutschland, von wo man mit neuem Namen und neuen Papieren zurückkehrt nach Schweden. Und zwar ausgerechnet nach Öland, also unmittelbar dahin, wo man zuvor schon zu Hause war! Man wohnt auf einem Hof, man engagiert sich vor Ort und lebt vom Verkauf im Hofladen: Töpferwaren, Selbstgestricktes, Marmeladen, eingelegtes Gemüse. Um ertragsmäßig über die Runden zu kommen, müssen da schon einige Leute den Hof besuchen - aber keiner von denen entdeckt die wahre Identität der Familie, über zwanzig Jahre lang. Und das, wo auf ganz Öland gerade mal zwanzigtausend Seelen leben und in Kalmar nochmal vierzigtausend. Das ist, als würde man als Eingesessener in Aurich untertauchen wollen oder in Deggendorf!Ganz verstanden hab ich auch nicht, wann und wie und weshalb der Junge die (vermeintlich mobbende) Schulfreundin seiner Schwester auch nach dem Verschwinden der Familie weiterhin bedroht.Ähnlich verquer ist die Sache mit der Ideologie. Da ist also eine rechtsextreme Kommune, die junge Leute anziehen will, mit Zeltlagern, nordischer Mythologie, Wehrsport und Wikingerkram. Sie machen aktiv Werbung, verteilen Flyer, sprechen die Kinder in der Schule und im Taekwondo-Kurs an. Zugleich sind sie beste Kumpel mit einem finsteren Motorradclub - wobei ich mich einmal frage, wofür die rechtsextremen Aussteiger die Biker brauchen, und andererseits, was die hartgesottenen Rocker mit ihren Verbrennermühlen an den autarken Ökos so toll finden: die Marmelade oder die Strickpullis etwa? Und als wäre das nicht genug an Widersprüchen, planen die bösen Nazibauern auch noch ein ganz geheimes Attentat auf die sozialdemokratische Jugendorganisation. Das hat dann zur Folge, dass ein unbedarfter Sympathisant, der einer Lokaljournalistin Informationen über die Existenz der Vereinigung gibt, als Verräter liquidiert werden muss - und die Journalistin gleich dazu. Muss man nicht verstehen, Hauptsache, wir haben dekorative Leichen!Jenseits der völlig unlogischen Krimihandlung breitet das Buch jenen Infodump an örtlicher Klischeegelehrsamkeit aus, den man bei Regionalkrimis nach Schema F aus deutscher Produktion befürchten muss: Baedekerwissen für Urlaubsinteressierte, reichlich schwedische Sprachbrocken und Diskussionen über unterschiedliche Redewendungen und am Ende sogar Rezepte für Zimtschnecken.Fürchterlich fand ich auch den Duktus, in dem die persönliche und private Seite der Ermittlerin geschildert wird. Was ist das? Crime Romance? Mature Adult? Jedenfalls kuschelige Decken auf geblümten Sofas, Tassen mit herrlich dampfendem Kakao und - hach! - verständnisvolle Lebenspartner, die nicht nur Grübchen haben, sondern auch zuhören können und die emotionalen Lasten der Heldinnnen ernst nehmen. Als die Freundinnengruppe zum Ende hin ihr gemeinsames Wochenende zelebriert, habe ich fast geglaubt, die "Sweet Magnolias" wären über den Atlantik geflogen.Fazit: Es gibt eine Menge guter Krimis aus Schweden. Das ist definitiv keiner davon.