Zwiegespalten - Erste Hälfte trashiger Groschen-Roman, zweite Hälfte packender Pageturner, wie man es von Ruth Ware erwartet
Dieses Buch ist schwierig für mich zu bewerten. Meine Meinung darüber ist komplett zwiegespalten, hin und her pendelnd zwischen enttäuschter Ernüchterung und begeistertem Anklang. Sie ist wie das Buch selbst - in zwei Hälften unterteilt. Die erste Hälfte ist, nur gering überspitzt ausgedrückt, eine zähe, mühselige, klischeebehaftete, zuweilen grenzwertig unausstehliche Trash-Farce. Ja, so übel fand ich sie, diese erste Hälfte. Im krassesten Kontrast dazu jedoch steht die zweite Hälfte. Dort wird die Geschichte zum intensiven und packenden Pageturner, wie man sie von Ruth Ware kennt und liebt. Und eigentlich erwartet. Sehr kurios das Ganze. Und je mehr ich nach dem Lesen drüber nachdenke, desto mehr beschleicht mich der Gedanke, dass dies ganz bewusst mit Absicht so gewollt ist von der Autorin. DasSetting ist abwechselnd im bildschönen, schottischen Edinburgh und dem historisch bedeutungsvollen Oxford, genauer gesagt der dortigen fiktiven Universität der Pelham Street. Eine ausgezeichnete Wahl und ganz typisch für Ruth Ware. Besonders die Uni-Gebäude und dessen Gelände und Umgebung sind gekonnt und äußerst authentisch in die gesamte Geschichte eingewoben. Der wie gewohnt detailreiche, versierte und vor allem sehr empathischeSchreibstil der Autorin ist auch wieder schön vorhanden. Man bekommt als Leser stets viele Details zu den jeweiligen Situationen - Gefühle, Gestiken, Mimiken und Gedanken werden oft sehr genau beschrieben. Manchmal sogar teilweisezu sehr. Für nicht ganz so empathisch veranlagte Leser, die es eher straight und schnörkellos bevorzugen, könnte Ruth Ware's Schreibstil erst einmal anstrengend oder gewöhnungsbedürftig sein. Jedoch gewöhnt man sich relativ schnell daran und erkennt auch dessen Zweck: In diesen Beschreibungen verstecken sich häufig wichtige Hinweise auf den späteren Verlauf der Story. DerAufbau ist, auch typisch die Autorin, in ein "Davor" und ein "Danach" eingeteilt, wobei man hier, wie ich eingangs erwähnte, klar unterscheiden sollte zwischen diesen beiden Handlungs-Akten. In der ersten Hälfte war ich beim Lesen oft genervt und stellenweise geradezu schockiert darüber, wie trashig-schlecht Ruth Ware scheinbar geworden ist. Untypisch stark stereotypische Charaktere, abgegriffene Phrasen, Klischees ohne Ende, mitunter peinliche Handlung zum Fremdschämen...ein Groschenroman auf 2 Sterne Niveau. Quasi die gesamte Zeit mit der lebenden Protagonistin April ist furchtbar. (dazu gleich mehr) Doch dann ... beginnt die zweite Hälfte. Das "Danach", nachdem April ermordet wurde. Und ab da fängt die Story plötzlich an, interessant und immer mitreißender zu werden. Dort beginntdie Ruth Ware, wie man sie kennt und liebt - clever konstruierte, falsche Fährten, etliche geniale Polt Twists, fesselnde psychologische Spannung, die immer wieder ansteigt und abebbt, undurchschaubare, zweideutige Charaktere und ein intensiver, mehrfacher Climax im vergleichsweise langen Finale plus schönem, spannenden Epilog als Nachtisch. SO hätte ich mir das gesamte Buch gewünscht! Das Hauptproblem des gesamten Buches sind dessenCharaktere. Genauer gesagtein Charakter, nämlich April Clarke-Cliveden. Ein absolut unausstehliches Mädchen mit narzisstischer, hoch manipulativer Veranlagung, ein schreckliches "It-Girl" aus der abgehobenen, versnobbten High Society Londons, wie sie unangenehmer kaum sein könnte! Zwar auch mit einigen guten Charaktereigenschaften, jedoch für mich als Leser absolut widerlich. (selbst wenn sie optisch wunderschön und ironischerweise nicht unähnlich einer meiner Ex-Freundinnen ist). Ich konnte als Leser absolut keine Sympathie zu ihrer Figur aufbauen, ganz im Gegenteil. Es wurde zunehmend reine Antipathie und Abscheu. Teilweise habe ich mehrere Seiten ihres nervigen, arroganten Geschwafels überblättert, ohne jedoch den Anschluss an die Geschichte zu verlieren. Hier hat die Story echt einige leidige Längen, die ich lieber gekürzt gesehen hätte. Das ist das erste Problem. Das zweite Problem ist die zweite Hauptfigur: Hannah Jones/de Chastaigne. Sie ist so ein überaus nervöser, unsicherer, schüchterner und ängstlicher Mensch, jemand der generell -in meinen Augen- falsch in einem Thriller-Setting ist, bzw. dort eher die Handlung ausbremst, sofern nicht eine krasse Charakterentwicklung zum Gegenteil hin erfolgt -- was hier zwar im Ansatz der Fall ist, aber ab der zweiten Hälfte erst. Vielleicht bewusste Intention von Autorin. Mich allerdings hat sie beim Lesen jedoch oft eher genervt oder enttäuscht durch ihr Zögern und ihren fehlenden Mut, und dadurch zuerst auch kaum Sympathie bei mir sammeln können. Dabei sollte sie das eigentlich, so kommt es mir vor. Am meisten mochte ich die direkte, schlagfertige Emily, jedoch hat diese Figur leider nur eine Nebenrolle. Wenn bereits die beiden Hauptfiguren der Geschichten einem als Leser nicht zusagen, wird es schwierig. Zum Glück und ironischerweise werden die vielen handelnden Figuren in der Story wichtiger, mehrdeutiger und interessanter, sobald April ermordet wurde. Welch Ironie. Danach bekommt der Leser endlich den krassen, fesselnden Pageturner, den man von Ruth Ware eigentlich erwarten könnte. Aber so, mit dieser grässlichen ersten Hälfte, bleibt dieses Buch eine sehr zwiegespaltene Angelegenheit. Ich weiß nicht genau, ob ich begeistert oder enttäuscht sein soll - eine wilde Mischung aus beidem, irgendwie.