Der Autor erzählt diese Geschichte aus einer Art Beobachter-Perspektive: Er selbst war nicht direkt beteiligt, sondern rekonstruiert den Fall aus Erzählungen, Gerüchten und Erinnerungen anderer. Dieser Ansatz erinnerte mich sofort an Dr. Watson, der die Fälle von Sherlock Holmes niederschrieb, aber hier war er ja nicht involviert, sondern setzt alles aus den Erinnerungen der Zeugen zusammen..Wir reisen hier zurück ins Jahr 1937, irgendwo in Japan. Der genaue Ort bleibt ungenannt und wird - ebenso wie einige der Zeugen - nur durch Anfangsbuchstaben angedeutet.Der Mordfall hat ziemlich viel Aufsehen erregt, da es sich um eine angesehene, traditionelle Familie mit viel Stolz auf ihre Herkunft handelte.All das wird sehr gründlich geschildert, in einem klaren, geradlinigen Stil ohne große Schnörkel. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Übersetzung aus dem Japanischen keine leichte Aufgabe war.Jedenfalls konnte ich mir das Anwesen der Familie Ichiyanagi, um die sich der Fall dreht, sehr bildhaft vorstellen, und auch die wichtigsten Personen hatte ich schnell vor Augen - trotz der für mich ungewohnten Namen. Es wird deutlich Wert darauf gelegt, die Familienverhältnisse verständlich darzustellen und einordnen zu können.Das Brautpaar Kenzo Ichiyanagi und Katsuko wird in der Hochzeitsnacht ermordet - in einem verschlossenen Raum, also ein klassisches Locked-Room-Szenario. Passend dazu gibt es eine Skizze der Räumlichkeiten, die zum Miträtseln einlädt. Die vielen japanischen Begriffe können allerdings stellenweise etwas verwirrend sein, auch wenn die Übersetzerin ihre Erklärungen geschickt in den Text eingewoben hat.Der ermittelnde Polizeibeamte wirkt aufmerksam und leistet solide Arbeit. Oft ist man aus Detektivromanen gewohnt, dass die Polizei eher tapsig dargestellt wird und dem brillanten Detektiv kaum das Wasser reichen kann - das ist hier erfreulicherweise nicht ganz so.Dennoch traut der Onkel der ermordeten Braut der Sache nicht. Er vermutet, dass sich unter den Anwesenden ein Lügner befindet, und telegrafiert deshalb seiner Frau, sie solle Kindaichi schicken - natürlich der bewusste Kosuke Kindaichi, den berühmten Detektiv, auf den ich nun besonders gespannt war.Mit Mitte zwanzig ist er noch recht jung; ich hatte gedacht, er wäre älter - einfach weil ich in diesem Krimis ältere Detektive gewohnt bin. Das war eine angenehme Überraschung. Seinem etwas schmuddeligen Äußeren zum Trotz hat er sich in Tokio in den letzten Jahren bereits einen Namen gemacht und einige brisante Fälle aufgeklärt. Er wirkt äußerst liebenswürdig: charmant, jungenhaft - und genau deshalb unterschätzen ihn viele.Der Fall selbst ist sehr verstrickt, was spätestens bei Kindaichis Auflösung deutlich wird. Ganz im Stil von Poirot hält er am Ende einen ausführlichen Monolog und legt jedes noch so kleine Detail offen, das zur Lösung beigetragen hat.Ich mag es, wenn mir alle Fakten zur Verfügung stehen, sodass ich selbst mit rätseln kann. Dennoch war ich durch die komplexe Konstruktion und die vielschichtigen Hintergründe am Ende tatsächlich überrascht und wäre nicht darauf gekommen, wie sich alles zugetragen hat. Das war mir dann auch etwas zu kalkuliert und mit so vielen Raffinessen, dass ich nicht weiß, wie ich da hätte drauf kommen sollen ... aber sowas passiert mir in Krimis öfter :)Insgesamt ist es ein guter, solider Krimi, der vor allem durch das japanische Setting interessant ist - ein Schauplatz, der leider viel zu selten vorkommt. Die Erzählweise ist manchmal etwas umständlich, aber das ist ein typisches Merkmal im Stil aus dieser Zeit. Nicht übermäßig spannend, aber angenehm zu lesen und durchaus unterhaltsam.Am Ende finden sich außerdem ein Personenregister sowie ein Glossar zu den japanischen Begriffen und Örtlichkeiten, was sehr hilfreich ist.3.5 Sterne