Es fällt mir ein wenig schwer, "Das Kind, mit den stummen Augen" zu bewerten. Wenn es um wahre Ereignisse geht, fühle ich mich immer etwas schlecht, keine volle Sternebewertung zu vergeben. Dieser Roman spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart arbeitet Theresa im Teeladen ihrer Mutter und Tante. Während sie voller Innovationsideen und Energie ist, um das Geschäft vor der Insolvenz zu retten, wird sie permanent von der älteren Generation ausgebremst. Als sie für einen Zeitungsartikel in alten Fotoalben blättert, stößt sie auf tragische Erlebnisse in der Kindheit ihrer Mutter und Tante. Die Gegenwartshandlung empfand ich als relativ forciert. Wieso sollte ein Journalist in dieser Situation zufällig auf ein wohlgehütetes Familiengeheimnis stoßen bzw. warum würde er auf einem Foto mit ihm völlig fremden Menschen etwas Aufälliges finden? Diesen Aufhänger fand ich etwas an den Haaren herbei gezogen. Auch die aufkeimende Romanze zwischen Theresa und Jonas war ziemlich stereotyp. "Das Kind mit den stummen Augen" umfasst nur 330 Seiten. Auf diesen wenigen Raum presst Lena Rohn eine Menge Handlung. Ein Teeladen mit langer Tradition, Therese mit einem Haufen Ballast und Problemen und in Rückblicken ein tragischer Aufenthalt in einem Kinderkurheim Weder Theresa noch ihre Mutter und ihre Tante waren mir sonderlich sympathisch. Ich empfand die Gegenwartshandlung ziemlich zäh. Anders sah es mit dem Teil der Geschichte, der in der Vergangenheit spielte aus. Was damals auf diesen Kinderkuren geschah ist unfassbar und schockiert mich immer wieder aufs Neue. Insbesondere geht mir einfach nicht in den Kopf, was mit diesen Schwestern und Erzieherinnen, die dort arbeiteten, verkehrt war. Viele Kinder mussten leider solch grausame Erfahrungen machen und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Szenarien wiederholen, wenn man mehrere Romane zu diesem Thema liest. Trotzdem kam ich nicht umhin Vergleiche anzustellen. Letztes Jahr habe ich "Am Meer ist es schön" gelesen, ein echtes Highlight und aufgrund der thematischen Ähnlichkeit dieser beiden Romane kam mir "Das Kind, mit den stummen Augen" wie ein schlechterer Abklatsch vor. Mehr als 3 Sterne kann ich leider nicht vergeben.