Schönes Fazit der Geschichte! Aber leider verwirrend geschrieben, Protagonistin für mich größtenteils unsympathisch.
Spoilerfreie Meinung¿Vor einigen Jahren las ich "Die sieben Männer der Evelyn Hugo" und war total begeistert. Umso mehr freute ich mich nun auf dieses Buch. Leider hat es meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Protagonistin wurde mir im Verlauf immer unsympathischer, das Setting immer blasser, die Zeitsprünge verwirrend. Außerdem gab es in der deutschen Übersetzungen einige Wörter, die heute eigentlich nicht mehr genutzt werden sollten. Die Idee des Buches sowie auch das Fazit ist trotzdem sehr toll und regt zum Nachdenken an.Achtung, ab hier folgen Spoiler¿Setting ¿¿¿Das Setting, zum einen in LA und zum anderen in einem Krankenhaus in LA, war trotz der Umstände schön beschrieben. Ich konnte es mir bildlich vorstellen. Leider war es aufgrund fehlender Kapitelüberschriften verwirrend, auch wo etwas genau sich abspielt.Charaktere ¿¿¿Hannah¿1. Anfangs sympathisch, leider immer unsympathischerAnfangs war mir Hannah noch sehr sympathisch. Ich konnte ihre Gedanken gut nachvollziehen und mit ihr fühlen, warum sie am Platz im Kino nie aufsteht. Auch, dass sie der Frau mit Flugangst mit Gesprächen abgelenkt hat, führte dazu, dass ich sie mochte. Aber sobald sie in New York gelandet war, wurde mir immer unsympathischer. Zum einen wird ihr "Geheimnis" gelüftet. Was definitiv nicht gut ist, aber solange sie es sich eingesteht, kann ich darüber hinwegsehen. Aber dann betont sie relativ häufig, dass sie ihre ersten Falten bekommt. Ich verstehe, dass das für sie unangenehm ist. Aber sie schaut dabei in den Vergrößerungsspiegel. Reflektieren, ob das denn so schlimm sei, tut sie gar nicht.2. teilweise sehr unreflektiertAußerdem geht sie danach auf das Gewicht einer Freundin ein. Ich war in jeder Situation froh, dass Gabby dabei war, um für ein bisschen Reflexion zu sorgen, wie hier: "Frauen sind nicht mehr wert, nur weil sie dünn sind." Auch wenn Hannah das anders sieht und gemeinsam mit Gabbys Mann die Augen verdreht über ihre "politische Korrektheit". Hannah denkt nicht darüber nach, dass das vielleicht empathisch gemeint ist. Dass das leider strukturelle Probleme sind, auf die wir achtgeben sollten. Einen kurzen Moment zieht sie es dann doch in Erwägung und endet mit dem Fazit: "Es ist nur lustig, dass Gabby so etwas immer betonen muss. Für sie ist das nicht selbstverständlich." Hannah sieht Gabbys Punkt überhaupt nicht, dass es eben nicht selbstverständlich in der Gesellschaft ist. Viele solcher kleinen Situationen sorgten dafür, dass sie mir immer unsympathischer wurde. Später versteht sie es ansatzweise und das macht mir Hoffnung: "Darum muss Gabby immer so viel von Emanzipation und Gleichberechtigung sprechen. Wegen Volldeppen wie dem hier [einem Autohändler]"3. egoistisches VerhaltenGanz doof fand ich auch die Situation, als sie mit Charlemagne einkaufen geht und dann Bus fährt. Aber nicht weil sie das getan hat, sondern weil sie ihn als Ausrede benutzt hat, dass er ein "Behindertenhund" sei. Sie ist der Meinung, damit würde sie ohne Diskussion überall reinkommen. Mir ist bewusst, dass es fiktiv ist und dass man das hier entspannter sehen kann. Aber solche Aktionen machen Inklusion in der realen Welt so schwer. Menschen mit Assistenzhunden stoßen immer wieder auf Unverständnis, dass sie ihren Hund mitnehmen dürfen. Wenn Menschen ohne Assistenzhunden das ausnutzen, wird die Situation dahingegen verschlimmert.Teilweise war sie mir auch zu wenig rational, im Zeitstrahl der "heilen Welt" (ohne Unfall). Aber das passte auch zu ihren Erfahrungen. Zum Beispiel möchte sie auf keinen Fall den Hund in ein Tierheim bringen, auch wenn ihr "Schicksal ungewiss" ist. Ich verstehe zwar ihren Gedanken, aber irgendwie finde ich das auch zu kurz gedacht. Wenn sie noch nicht einmal eine Wohnung hat, wie soll sie dann auf ihren Hund aufpassen? Auf der anderen Seite stützt er sie emotional und zusammen waren die beiden sehr süß. Gabby¿Gabby ist meine absolute Lieblingsperson in diesem Buch! Sie ist so verständnisvoll gegenüber Hannah, auch wenn sie etwas verzapft hat. Sie unterstützt sie, wo sie nur kann, obwohl sie auch eigene Sorgen hat. Besonders toll fand ich den Satz: "Zuallererst hören wir auf, Vermutungen anzustellen." Das muss ich mir auch dringend häufiger sagen. Aber sie macht auch direkten Ansagen wie: "Benutz mich nicht als Ausrede, deinen eigenen Problemen aus dem Weg zu gehen."Einzig und allein, die Sache mit der Hundeallergie fand ich bisschen schräg. Wir mögen Marc selbstverständlich nicht. Aber zu behaupten, dass seine Allergie reine Kopfsache ist, da konnte ich nicht ganz folgen. Vielleicht ist es so, vielleicht auch nicht. Aber da hat Gabby in ihrer Unzufriedenheit verständlicherweise (meiner Meinung nach) nur ein Grund gefunden, den Hund zu behalten.Spannend fand ich auch, dass Marc in der "heilen" Welt fremdgegangen ist und der "Unfall" Welt es ihr ehrlich gesagt hat. In der heilen Welt war Gabby tief enttäuscht und auch wütend, aber eher traurig. Als er ihr es ehrlich mitgeteilt hat, dass er sich anders verliebt, ist sie ausgerastet. Das wirkte auf mich erst vertauscht. Aber vielleicht soll es zeigen, dass Gefühle manchmal nichts mit der Handlung zu tun haben. Ethan¿Ethan mochte ich gerne. Er ist im "heile Welt" Zeitabschnitt so aufmerksam und möchte wirklich, dass es Hannah gut geht. Auch das Ende auf diesem Handlungsstrang fand ich sehr gut. Er ist süß und passt gut zu Hannah. Mehr weiß ich aber auch nicht zu ihm. Ich habe zwar mit ihm mitgefiebert, aber näher kennengelernt habe ich ihn nicht. Eltern¿Die Eltern fand ich schwierig. Sie verlassen ihre 14-jährigen Tochter, um auf einem anderen Kontinent zu leben. Die Mutter sagen zu hören, dass sich "für Hannah immer alles findet." und dass Hannah ihnen allen einen Schritt voraus ist, finde ich zu kurz gegriffen. Dass sich für Hannah alles finden musste, weil sie alleine war, war die notwendige Konsequenz. Dann kam das Eingeständnis des Vaters. Dass es von ihnen falsch war. Das war für mich eine emotionale Stelle im Buch. Bis dann der Satz fiel: "Wir finden, du solltest [zu uns] nach London ziehen." Beim Lesen habe ich mich sehr darüber aufgeregt. Der Vater hat gerade verstanden, dass er Hannah gegenüber unfair war. Aber anstatt anzubieten, mehr Kontakt zu haben, indem man sich auch selbst meldet & zu Besuch kommt, erwartet er von der 29jährigen Hannah, zu ihnen ziehen. Sie soll ihr ganzes Umfeld dort aufgeben. Die Eltern müssen das ja nicht. Und ja, sie hat kein geregeltes Leben, aber das wissen die Eltern ja nicht.Da war ich fast ein bisschen enttäuscht von Hannah, dass sie sich nicht mit mir aufgeregt hat. Aber ich verstehe auch, dass sie es nicht tut. Ihr Vater hat ihr nach vielen stillen Jahren endlich Liebe und Aufmersamkeit geschenkt.Tina & Carl¿Carl war am Anfang so sympathisch und dann kommen typische Sprüche wie "Männer trinken Bier. So einfach ist das." Zum Glück ist Gabby da und weist ihn darauf hin. Hannah verwendet in diesem Zusammenhang das Wort "maßregeln". Das zieht Gabbys berechtigte Kritik ins Lächerliche.Auch Tina mochte ich eigentlich sehr gerne. Es war herzerwärmend, dass sie Hannah wie ihre eigene Tochter behandelt. Aber auch sie haute am Ende nochmal einen raus mit: "Bei Hannah und Henry geht es ja anscheinend auch", sagt Tina, Und ich werde nicht jünger. Es würde nicht umbringen, es zumindest zu versuchen.", gerichtet an Gabby bezogen auf das Kinderkriegen.Henry¿Henry mochte ich sehr. Wie er mit Hannah gemeinsam Zimtschnecken isst, und sie zum Lachen bringt, war sehr süß. Aber mir ging der Handlungsstrang zwischen den beiden viel zu schnell. Sie treffen sich endlich im Laden, machen einen Spaziergang zusammen und küssen sich auf diesem schon. Naja.Handlung ¿¿¿,5Die Idee des Buches finde ich total toll. Ein bisschen erinnerte es mich an die Mitternachtsbibliothek und an den Film "Look Both Ways".Die zwei Welten sorgten für Überschneidungen: Ich fand es sehr spannend, dass man durch die Unfalls-Timeline im anderen Zeitabschnitt vor Hannah wusste, dass sie schwanger ist. Immer wenn sie in der heilen Welt Auto fährt, dachte ich, dass sie einen Unfall baut oder auf irgendeinem anderen Wege Henry kennenlernt.Am Ende gab es auf Gabbys Geburtstagsfeier den exakt gleichen Absatz in beiden Zeitformen. Sie ist zur gleichen Erkenntnis gekommen. Und das war auf sehr schön. Aber trotzdem fand ich Copy & Paste schade. Ich wollte nicht das gleiche wie vor 2 Minuten lesen, was bei mir zum Überblättern führte. Das Fazit der Handlung mochte ich wirklich sehr gerne: Egal wie sich das Leben entwickelt, alles wird gut. Und das ist irgendwie total beruhigend.Schreibstil-Gefühl ¿¿,5Die verschiedenen Zeitabschnitte waren für mich anfangs sowie am Ende sehr verwirrend. Das hätte man vielleicht besser kennzeichnen können. Mit kleinen Grafiken, Pfeilen oder Kapitelüberschriften.Es gab auch ein paar Übersetzungsfehler, bzw. zu wortwörtliche Übersetzungen. Am deutlichsten und schlimmsten fand ich es bei folgendem Satz von Gabby:"Wenn dieses Baby von einem gemischtrassigen lesbischen Paar erzogen würde, käme es auf die besten Schulen."Ich war baff, als ich das gelesen habe. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Aber was ist meine Problematik damit?1. Im Englischen steht hier höchstwahrscheinlich "mixed-race" oder "multiracial". Übersetzung bedeutet nicht, das wortwörtliche Übertragen in eine andere Sprache, sondern es auch in den Kontext zu setzen. Gemischtrassig ist im Deutschen ein problematisches Wort, da es insbesondere im Nationalsozialismus genutzt wurde. Es bedient sich an der Rassentheorie. Im Deutschen nutzt man deshalb Wörter wie mehrkulturell oder Migrationshintergrund. Ich finde das Wort "mehrkulturell", hätte dem Satz kein Sinn weggenommen.2. Hinter dem Inhalt steht die Aussage: Die Plätze an Elite-Schulen werden nach Diversität vergeben, nicht nach Leistung. Es wird dargestellt, als hätten Menschen aus Minderheiten (wie eben mehrkulturell oder homosexuell) einen unfairen Vorteil, wenn das statistisch und gesellschaftlich überhaupt nicht der Fall ist.Unterhaltung ¿¿¿Ich würde das Buch nicht weiterempfehlen. Im Nachhinein hat mir die Geschichte trotzdem ein bisschen Spaß gemacht. Aber die Mischung aus verwirrenden Zeitsträngen und unsympathischen Charakteren (aus meiner Sicht) führt bei mir nicht dazu, direkt zum nächsten Buch von Taylor Jenkins Red zu greifen. Durch "Die sieben Männer der Evelyn Hugo" weiß ich aber, dass sie auch Bücher schreibt, die mir mehr gefallen.