Neapel sehen und sterben... Nun, der Turiner Geschäftsmann Capuano war zwar nicht zum ersten Mal in der Stadt, doch diesmal hatte er panische Angst. Ausgerechnet am Tag des Festes zu Ehren des Schutzheiligen San Gennaro sucht er Salvo Gaetano im Präsidium auf. Die Geschichte, warum er sich bedroht fühlt, klingt reichlich seltsam. Gaetano, verkatert und wenig angetan von Capuano, hat am Festtag ohnehin kaum Kapazitäten - die ganze Stadt ist im Ausnahmezustand.Als man schließlich doch in Capuanos Wohnung nachsieht, stößt man auf eine grausam zugerichtete Leiche... kopflos.Soweit, so gut - ein spannender Einstieg in den Krimi. Doch auf den restlichen 400 Seiten führt - oder besser gesagt "quält" - uns der Autor durch eine endlose Beschreibung von Neapel, seinen Bewohnern, seinen Legenden und vor allem seinen Gerüchen. Er scheint geradezu besessen von Düften aller Art zu sein, ob angenehm oder unangenehm, so detailliert habe ich seit "Das Parfum" keine derartige Schilderung mehr gelesen.Der Roman ist wirklich nicht schlecht, sondern gut und anspruchsvoll geschrieben. Er hat auch seine witzigen Momente - etwa wenn Gaetano eine junge, ehrgeizige Streifenpolizistin wegen ihres Nachnamens Bellucci hartnäckig Monica nennt, obwohl sie Beppa heißt. Der Autor versteht es zudem, die besondere Atmosphäre der Stadt einzufangen, sowohl durch bildhafte Sprache als auch durch die Einbindung zahlreicher italienischer und neapolitanischer Begriffe. Am Ende gibt es sogar ein Glossar, falls man etwas nicht verstanden hat.Die Ermittlungen und Schilderungen plätschern jedoch so vor sich hin, anders lässt es sich kaum beschreiben. Gaetano, privat in eine komplizierte Familientragödie verstrickt, lässt sich von einer der Verdächtigen immer wieder einwickeln, folgt offensichtlich falschen Spuren, schläft kaum, trinkt viel, poltert herum und steht unter Erfolgsdruck seines Vorgesetzten - eben ein typischer Kommissar, oder?In den kursiv gedruckten Zwischenkapiteln meldet sich der Täter zu Wort - oder doch nicht? Lange bleibt unklar, wer spricht, doch sicher ist, dass die Person in diesen Passagen in den Fall verwickelt ist.Am Ende ging es für meinen Geschmack dann doch etwas zu ruckzuck, und obwohl alles nachvollziehbar und lückenlos aufgeklärt wurde, war ich mit dem Ausgang des Buches nicht ganz zufrieden.Neapel übernimmt in diesem "Krimi" eindeutig die Hauptrolle, gespickt mit Anekdoten, abergläubischen Geschichten und teils liebenswert skurrilen Figuren. Als Kriminalroman konnte mich das Buch jedoch nicht fesseln, dafür war es schlicht zu lang. Der titelgebende "lügende Fisch" taucht übrigens nur in einer kleinen Nebenhandlung auf und spielt für den eigentlichen Fall eine eher nebensächliche Rolle.Mit gutem Gewissen vergebe ich 3 Sterne, da es gut und atmosphärisch geschrieben ist. Empfehlen würde ich es jedoch nur Lesern, die absolut von Neapel fasziniert sind oder die Stadt bereits kennen und lieben - oder hassen - oder...?? Weitere Bücher der Reihe werde ich wohl eher nicht lesen.