Als Krimi ein Reinfall, als Familienepos nicht viel besser. Aber als Skizze der Zeit beachtlich.
Es war ein weiter Weg vom "nassen Fisch", dem ersten Band der Gereon-Rath-Reihe, der vor nunmehr sechzehn Jahren erschien und im Jahr 1929 spielt, bis zu diesem Abschluss aus dem Herbst 1938. In dieser Zeit sind eine Menge Figuren in das Rath-Universum gekommen, und Volker Kutscher erzählt all ihre Schicksale weiter. Dabei findet sich die eigentliche Hauptfigur, Gereon Rath, ziemlich an den Rand gedrängt, den ganzen ersten Teil über, immerhin gut ein Drittel des Buches, sitzt er in Rhöndorf und spielt bei Adenauers Monopoly, während sich im fernen Berlin die Dinge überschlagen.Mit dem Kriminalfall hat er auch in der Folge nur am Rande zu tun, den bearbeiten seine Ex-Kollegen und - inoffiziell - seine vermeintliche Witwe Charly. Es geht um zwei ermordete Hitlerjungen, unter Verdacht steht Fritze Thormann, der Fall schlägt intern Wellen, wird aber von offizieller Seite totgeschwiegen, da es der Öffentlichkeit unzumutbar wäre, dass ein HJ-ler einen anderen tötet. Wie die Sache wirklich liegt, zeigt sich schon bald - und nach gut zwei Dritteln des Textes wird es auch offiziell den Lesenden verkündet, aber bis zum Ende des Buches muss Volker Kutscher eben noch eine ganze Menge anderer Handlungsstränge weiterführen, ehe er zum Ende kommen darf.Als Kriminalroman ist "Rath" also ganz klar ein Reinfall. Ist dem Autor sein Ensemble aus dem Ruder geraten - oder wollte er die Reihe ganz bewusst vom klassischen Krimi zu einem großen Familienepos und Gesellschaftspanorama drehen? Man weiß es nicht, aber auch für ein historisches Epos kommt das Ende zu abrupt und unbefriedigend und wenig plausibel. Der ganze Strang der Geschichte mit Raths Rückkehr aus den sicheren USA, seiner Undercoverexistenz im Rheinland, nur um des kranken Vaters willen, der ihn kaum erkennt und den er nur heimlich treffen darf, hat mich nicht überzeugt.Also ein Buch zum Vergessen? Nicht ganz, denn mit seiner historischen Momentaufnahme der Deutschen im Herbst 1938 punktet Kutscher. Wie hier die Widerständischen müde werden, wie die Skeptischen sich mit dem Lauf der Dinge arrangieren, wie die Nazis nach sechs Jahren Regierungsgewalt einfach eine Realität sind und man auch als unpolitischer und "anständiger Beamter" eben in die SS eintritt, weil das so verlangt wird im Reichskriminalamt, all das skizziert er nachvollziehbar und glaubwürdig und sehr lehrreich. Ein Stern dafür und ein weiterer für die realistische und brutale Schilderung der Pogrome vom November 1938, die in Deutschland lange Jahre sträflich verharmlosend als "Reichskristallnacht" überliefert wurden.