"Ava liebt noch" von Vera ZischkeVerlag : Ullstein Avas Geschichte hat mich emotional sehr berührt und lange beschäftigt. Sie ist 43 Jahre alt, dreifache Mutter, Ehefrau, Hausfrau, Kummerkasten, Streitschlichterin und rund um die Uhr für alle da. Ihr Alltag besteht aus Organisieren, Funktionieren und Verantwortung tragen. Für sich selbst bleibt kaum Raum und genau das fühlt sich beim Lesen erschreckend echt an.Während ihr Mann Karriere macht und sein Leben nahezu ungehindert weiterlebt, hält Ava alles zusammen. Sie sorgt, plant, vermittelt und stellt ihre eigenen Bedürfnisse immer hinten an. Dieses Ungleichgewicht wird leise, aber sehr deutlich spürbar und hat mich oft nachdenklich gemacht.Dann tritt Kieran- ein wahrhaftiger Michelangelo - in ihr Leben. Ein junger Mann, der Ava als Frau wahrnimmt. Er begehrt sie, sieht sie wirklich, und plötzlich spürt Ava wieder etwas, das lange verschüttet war: Lebendigkeit. Dieses Wiederentdecken ihrer selbst ist einer der stärksten Aspekte des Romans. Es geht nicht nur um eine Liebesgeschichte, sondern um das Gefühl, wieder zu existieren.Die Beziehung zwischen Ava und Kieran ist von Anfang an kompliziert. Da sind der große Altersunterschied, die Kinder, die Ehe, die Angst vor Gerede und Verurteilung. Ava weiß, was sie riskieren würde und sie weiß auch, dass sie ihre Familie nicht verlassen kann und will. Diese innere Zerrissenheit zieht sich durch das ganze Buch und wirkt dabei nie konstruiert, sondern sehr real.Der Schreibstil ist humorvoll, bewegend und schonungslos ehrlich. Die Autorin beschönigt nichts. Sie zeigt, dass man seine Kinder lieben und das Muttersein trotzdem als erdrückend empfinden kann. Dass Begehren, Frau-sein und der Wunsch nach Freiheit nicht einfach verschwinden, nur weil man Verantwortung trägt.Ja, es gibt Momente, die leicht klischeehaft wirken, doch das nimmt der Geschichte nichts von ihrer emotionalen Kraft. Im Gegenteil, ich habe mit Ava gefühlt, gelacht, gelitten und geweint. Es geht um verpasste Jahre, schwere Entscheidungen, Schmerz und Verlust, aber auch um Hoffnung, Nähe und die leisen Lichtblicke, die Liebe immer wieder möglich machen.Für mich ist dieses Buch eine sehr berührende, realitätsnahe Geschichte über Frauen, die funktionieren müssen, über Sehnsucht nach Leben und darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst nicht völlig zu verlieren.