Ruhige, tröstliche Lektüre mit zähem Einstieg ¿ nicht perfekt, aber zur richtigen Zeit sehr wohltuend.
Yu-jins Bücherküche der großen Träume erzählt von einer Frau, die ihr bisheriges Leben hinter sich lässt, um noch einmal neu anzufangen. Yu-jin zieht sich aus der Hektik der Großstadt zurück und eröffnet in einem kleinen Dorf einen besonderen Ort: eine Mischung aus Buchhandlung, Café und Pension.Ihre Bücherküche wird nach und nach zu einem Rückzugsort für Menschen, die selbst an einem schwierigen Punkt in ihrem Leben stehen. Zwischen Büchern, Gesprächen und kleinen Momenten der Ruhe finden die Gäste dort die Möglichkeit, über ihre Wünsche, Ängste und Entscheidungen nachzudenken.Der Roman handelt von Neuanfängen, Selbstfindung und der tröstenden Kraft von Geschichten. Er zeigt auf leise und warmherzige Weise, wie Bücher, Begegnungen und ein Ort der Geborgenheit Menschen dabei helfen können, neuen Mut zu fassen.Schon die Gestaltung des Covers lädt mich als Leserin in ein ruhiges Bild ein. Zu sehen ist die Rückenansicht einer Frau - vermutlich Yu-jin -, die an einem Herd steht und gerade ein Gericht zubereitet. Dabei schaut sie aus dem offenen Fenster auf Gebäude, die von Kirschbäumen umgeben sind. Die Kirschblüten stehen in voller Pracht. Über Yu-jin befindet sich ein Regal mit einigen Büchern und einer schlafenden Katze. Obwohl sie sich in einer Küche befindet, liegt auch neben dem Herd ein weiterer Stapel Bücher, auf dem eine Vase mit einem Kirschblütenzweig steht. Das Cover wirkt auf mich sehr einladend, weil es einen Ort zeigt, der abgeschieden zu sein scheint und an dem man sich für einige Stunden oder Tage dem Alltag entziehen könnte.Neben meinen Büchern, die ich in Zukunft lesen möchte, befinden sich einige Werke asiatischer Autorinnen und Autoren. Durch Hatokos wunderbarer Schreibwarenladen bin ich zufällig auf Yu-jins Bücherküche der großen Träume gestoßen. Zu Beginn hat mich der Titel nicht sofort gefangen. Da ich bisher wenig Kontakt mit der koreanischen Kultur hatte, fielen mir auch die Namen zunächst schwer. Es hat mich irritiert, dass viele Namen mit Bindestrich geschrieben werden. Ein Namensregister hätte mir als Leserin sehr beim Verständnis geholfen, da ich ohnehin Schwierigkeiten habe, mir viele Figuren zu merken. Hinzu kam, dass ich auf einigen Seiten nicht wusste, ob es sich um eine weibliche oder männliche Figur handelt, weil ich mit den für mich ungewohnten koreanischen Namen durcheinanderkam.Das erste Drittel fand ich nicht besonders packend. Teilweise empfand ich es sogar als zu nah an Hatokos wunderbarem Schreibwarenladen. Dazu kommt eines meiner persönlichen Probleme mit sehr blumig beschriebenen Metaphern, deren Bedeutung ich manchmal nur schwer erfassen kann. Ab der Mitte entwickelte sich das Buch für mich jedoch zu einer eigenständigeren Geschichte.Auch in diesem Roman lassen sich die Kapitel stellenweise wie einzelne Kurzgeschichten lesen, in denen verschiedene Figuren im Mittelpunkt stehen. Gegen Ende fließen diese Geschichten zusammen, ähnlich wie in Frau Komachi empfiehlt ein Buch. Allerdings wirkt der rote Faden, der alles verbindet, in Yu-jins Bücherküche der großen Träume für mich etwas blasser. Die Verbindung zwischen den einzelnen Geschichten wird nicht ganz so stark erzeugt, wie ich es mir gewünscht hätte.Schade fand ich zudem, dass ich viele der genannten Bücher koreanischer Autorinnen und Autoren nicht in deutscher Übersetzung gefunden habe. Anders als erwartet steht Yu-jin außerdem nicht in allen Kapiteln im Mittelpunkt. Viele Figuren wirken, bevor sie Yu-jins Laden betreten, sehr erschöpft vom beruflichen Alltag und vom Leben allgemein. Nach kurzer Zeit spüren sie, dass sie in der Bücherküche genau die Ruhe finden, die sie gebraucht haben, um ihr bisheriges Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.Auch wenn diese Botschaft häufig in Büchern asiatischer Autorinnen und Autoren auftaucht, empfinde ich sie nicht als überflüssig, sondern als wichtig. Soweit ich informiert bin, ist der berufliche Alltag in Südkorea von langen Arbeitszeiten und hohen Anforderungen geprägt, ähnlich wie in Japan. Deshalb ergibt es für mich Sinn, immer wieder daran erinnert zu werden, dass Karriere und Beruf nicht alles im Leben sind und dass wir viel verpassen können, wenn wir uns zu stark darauf fokussieren.Auch ich muss langsam lernen, dass der Beruf nicht über allem steht. Deswegen tun mir Bücher dieser Art gut, auch wenn sie gelegentlich in eine kitschige Erzählweise abrutschen. Vielleicht kann man Yu-jins Bücherküche der großen Träume nicht in jeder Lebenslage lesen. Für mich war es im richtigen Moment jedoch eine wohltuende Geschichte.Ich denke, dass es eine heilsame Lektüre sein kann, wenn man gerade gestresst ist und sich wieder erden möchte. Ein kurzer Rückzug hat für mich nichts mit Faulheit zu tun.Aufgrund der für mich schwierigen Namensgebung, des etwas zähen Einstiegs und der stellenweise sehr blumigen Sprache schwanke ich zwischen drei und vier Sternen. Emotional hat mir das Buch in meiner aktuellen Lage sehr gutgetan; als allgemeine Empfehlung fällt mir die Bewertung etwas schwerer. Trotzdem möchte ich die wichtige Botschaft des Romans hervorheben und lege ihn besonders Leserinnen und Lesern ans Herz, die sich gerade überlastet fühlen oder eine schwierige Zeit durchmachen.Es handelt sich um eine leichte literarische Kost, die tröstlich und entschleunigend wirken kann. Gleichzeitig können die blumigen Metaphern und die für europäische Leserinnen und Leser ungewohnten koreanischen Namen den Lesefluss etwas erschweren.