Candy Girls sind süß. Sie sind frisch und lecker. [] Sie lassen sich schnell konsumieren oder unauffällig wegwerfen. (S. 8)
Mit Candy Girls Sexismus in der Musikindustrie legt Sonja Eismann (Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Mitgründerin des Missy Magazine) ein Buch vor, das nicht erklären will, warum Pop problematisch sein kann, sondern zeigt, warum er es ist. Erschienen im September 2025 im Edition Nautilus Verlag, verbindet dieses Buch kulturwissenschaftliche Analyse, Popgeschichte und feministische Theorie zu einer schmerzhaft klaren Bestandsaufnahme.
Meine Meinung
Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, worum es Eismann geht: Nicht um Einzelfälle, nicht um schwarze Schafe, nicht um moralische Panik, sondern um ein strukturelles Problem: Wie und wo ist die Musikbranche sexistisch? Kurze Antwort: überall. (S. 10)
Dieser Satz klingt zunächst provokant und auch etwas oberflächlich, aber im Verlauf des Buches wird er (leider!) erschreckend präzise belegt.
Eismann analysiert, wie Frauen und weiblich gelesene Personen im Pop gleichzeitig begehrt, entwertet und austauschbar gemacht werden. Der Begriff der Candy Girls steht dabei sinnbildlich für eine Industrie, die weibliche Körper konsumierbar macht: süß, verfügbar, ersetzbar. Besonders beeindruckt hat mich der intersektionalen Blick, den die Autorin einnimmt, und wie sie unterschiedliche Kontextebenen zusammendenkt: Musikerinnen, Fans, Groupies, Musikjournalismus, Kanonbildung und ökonomische Macht. Eismann zeigt, dass Sexismus nicht nur auf der Bühne passiert, sondern auch in Rezensionen, Line-ups, Backstage-Räumen und Fan-Narrativen.
Und immer wieder geht es um Gewalt. Nicht "nur" physisch, sondern auch symbolisch: um das Verharmlosen von Übergriffen, die Romantisierung männlicher Grenzüberschreitungen und die systematische Unsichtbarmachung weiblicher Perspektiven. Besonders betroffen gemacht haben mich Beispiele, bei denen nicht die übergriffigen Männer, sondern die Künstlerinnen gecancelt wurden. Viele der Täter waren mir als Künstler bekannt, jedoch bisher nicht als Täter. Mich hat schockiert, wie viele es sind, welches System dahintersteckt und wie konsequent Täter geschützt werden, während Betroffene gecancelt werden oder verschwinden.
Stilistisch ist Candy Girls fordernd. Die Sätze sind teilweise lang, die Argumentation dicht, theoretische Begriffe werden nicht vereinfacht. Aber genau darin liegt auch eine Stärke: Eismann traut ihren Leser:innen zu, mitzudenken. Trotz aller Wut bleibt das Buch nicht im Zynismus stehen. Es öffnet Räume für Kritik, für Verantwortung und für kollektives Umlernen. Nicht als Happy End, sondern als Aufgabe. Denn Popkultur ist nur ein Bestandteil einer sexistischen Gesellschaft, die wir gemeinsam bekämpfen müssen. (S. 171)
Fazit
Candy Girls ist unbequem, wütend und notwendig. Ein Buch für alle, die Popkultur lieben, aber nicht länger wegsehen wollen. Für Leser:innen feministischer Sachbücher ein absolutes Must-read und vor allem für Menschen, die ihre Idole wie David Bowie, Justin Timberlake und co. bisher nicht hinterfragt haben. Danke an netgalley.de und an Edition Nautilus für das Rezensionsexemplar.