Nachdem ich vor Kurzem Die Verlorene von Miriam Georg mit großer Begeisterung gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf ihren historischen Roman Sturmland. Er war die passende Urlaubslektüre für meinen Nordseeurlaub und konnte mich auf ganzer Linie überzeugen und begeistern. Im Mittelpunkt steht Cora, eine starke Frauenfigur, die aus ihrem vorbestimmten Leben als Reedertochter in Hamburg ausbricht und unter falschem Namen eine Stelle als Hauslehrerin im Seebad Norderney annimmt. Dort lernt sie schon bald die unberechenbare Kraft des Meeres kennen und trifft auf den verschlossenen Tagelöhner Onnen, mit dem sie zusammenarbeiten muss. Mit jedem Tag kommen sich die beiden näher.
Mit Sturmland ist Miriam Georg ein äußerst atmosphärischer und emotionaler Auftakt gelungen, der mich vor allem durch seine Mischung aus historischem Hintergrund, großen Gefühlen, spannenden Geheimnissen und einem faszinierenden Setting überzeugen konnte. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen und die Wellen der Nordsee, die salzige Luft, den Sand und die raue Landschaft förmlich selbst zu spüren.
Der Schreibstil gefällt mir ausgesprochen gut. Er ist bildhaft, flüssig und emotional. Besonders ihre Beschreibungen der Landschaft und der damaligen Lebensumstände sind detailreich und vermitteln ein authentisches Bild der damaligen Zeit. Gleichzeitig gelingt es ihr, historische Informationen so in die Handlung einzuflechten, sodass der Roman lebendig und nicht wie eine Geschichtsstunde wirkt. Perspektivwechsel sorgen zusätzlich für Dynamik und machen neugierig darauf, wie sich die einzelnen Handlungsstränge entwickeln. Die Geheimnisse der beiden Hauptfiguren werden erst nach und nach enthüllt und sorgen so für anhaltende Spannung.
Auch die Figuren haben mich überzeugt. Cora ist eine starke und zugleich verletzliche Protagonistin, deren Wunsch nach Selbstbestimmung für ihre Zeit besonders eindrucksvoll dargestellt wird. Ihre Entwicklung wirkt nachvollziehbar, und gerade ihre inneren Konflikte machen sie für mich zu einer Figur, mit der man gerne mitfiebert. Auch der verschlossene Onnen konnte mich gleich für sich einnehmen. Seine Geheimnisse, seine Vergangenheit und seine Lebensumstände geben seinem Charakter Tiefe. Mein heimlicher Liebling war die kleine, intelligente Emmi, die von Cora unterrichtet wird und die wegen ihrer Schwindsucht auf Norderney ist. Sehr gelungen waren auch die anderen Nebenfiguren, wie der Badearzt oder die Zimmerwirtin, die die Handlung glaubwürdig ergänzen.
Die Umsetzung der Geschichte ist insgesamt sehr stimmig. Besonders die gesellschaftlichen Unterschiede und die eingeschränkten Möglichkeiten von Frauen werden eindringlich vermittelt. Ebenso interessant fand ich die Einblicke in das harte Inselleben, das neben dem Fischfang und der Seefahrt zunehmend vom Badetourismus bestimmt wurde. Ein weiteres Thema sind die Gefahren des Meeres und der Seenotrettung, die zu der Zeit noch auf den Inselbewohnern lastete, die in eigenen Booten hinausfuhren und ihr Leben riskierten. Dadurch bekommt die Geschichte neben der emotionalen Ebene auch eine historische Tiefe, die über eine reine Liebesgeschichte hinausgeht was mir sehr gut gefallen hat.
Das offene Ende mit dem Cliffhanger wirft viele Fragen auf und macht sehr neugierig auf die Fortsetzung.
Fazit: Sturmland ist für mich ein ausgesprochen gelungener Auftakt der neuen Saga. Wer historische Romane mit starken Figuren, emotionalen Konflikten, viel Atmosphäre und einem authentisch wirkenden historischen Hintergrund mag, sollte Miriam Georgs Roman unbedingt lesen. Der stimmungsvolle Auftakt der Dilogie wird bereits im Oktober mit Salzwind fortgesetzt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich gerne von einem Roman an die raue Nordseeküste entführen lassen!