American Thriller Feeling
Was bin ich lange um dieses Buch herumgeschlichen. Es konnte mich nicht sofort in seinen Bann ziehen, aber loslassen konnte es mich auch nicht. Mit In tiefster Nacht von Harlan Coben zog das erste Buch des Autors bei mir ein. Es behandelt im Prinzip zwei Rahmenhandlungen um die Hauptperson Sami Kierce: Einmal die Vergangenheit um die Geschichte seiner Verlobten Nicole, die ermordet wurde. Zum anderen die Geschichte um Anna, neben der er mit einem Messer in der Hand in Spanien erwacht und glaubt, dass sie tot ist. In der Gegenwart meint er aber genau jene Anna wieder zu erkennen.Sami Kierce hat sich nicht korrekt an das Gesetzt der polizeilichen Ermittlungen gehalten. Dieses Fehlverhalten wurde aufgedeckt und so kommt es, dass alle Fälle von Sami hinlänglich seiner unsauberen Beweisführung auf ihre Richtigkeit überprüft werden und er vom Polizeidienst suspendiert wird. Das Tragische dabei, auch der bereits verurteilte Mörder Tad Grayson seiner Verlobten Nicole kommt dadurch wieder auf freien Fuß. Sami arbeitet inzwischen bei Marty als Privatdetektiv und gibt abends Kurse in Kriminologie. Diese Teilnehmer spannt er sozusagen als seine Hilfsermittler ein. Als eines Tages eine Kursteilnehmerin erscheint, in der er Anna zu erkennen glaubt, verläuft der Abend ganz anders als geplant.Thematisch konnte mich In tiefster Nacht absolut begeistern mit den zentralen Themen Fehlverhalten, Wahrheit, Schuld und Verantwortung. Ich wollte unbedingt wissen, ist Tad Grayson wirklich schuldig oder ist er doch unschuldig? Wie hängen diese beiden Geschichten zusammen, haben sie überhaupt eine Verbindung? Die Story konnte mich jedenfalls sehr fesseln. Allerdings hatte ich etwas Startschwierigkeiten, an die ich mich zunächst gewöhnen musste: Zuerst einmal war da dieser sehr amerikanische Schreibstil, der mir zeitweise auch ein Seriengefühl vermittelte. Es gab Szenen, da fühlte ich mich eher in eine Krimi-Komödie versetzt, man beachte z. B. den Kurs-Namen "No shit, Sherlock" oder die Namen der Kursteilnehmer wie "Pink Panthers" usw. Auch die Erzählung aus der Ich-Perspektive war für mich eher ungewöhnlich und zum Teil auch ausschweifend, dass ich dachte, jetzt komm doch bitte mal auf den Punkt. Völlig ungewohnt war es für mich zwischendurch als Leser direkt angesprochen zu werden mit " ladies and gentlemen". Nichtsdestotrotz konnte mich das Buch schlussendlich überzeugen, u. a. auch infolge seiner Charaktere, die passend zur Geschichte eher suspekt blieben oder mehr an Tiefe bekamen. Ganz besonders mochte ich Samis Chef Marty und seine Frau Molly. Die Auflösung war für mich schlüssig und ist gelungen, am besten gefallen hat mir jedoch der Cliffhanger am Ende. Wenn ich mich anfangs nicht mit dem amerikanischen Schreib- und Erzählstil so schwer getan hätte, würde ich 4,5 Sterne vergeben, so werden es 4,25 Sterne. Das Thema selbst, welche Folgen ein Fehlverhalten haben kann, wie man mit der Wahrheit und Schuld umgeht und ob und wie man Verantwortung übernimmt, dafür würde ich sogar 5 Sterne vergeben. Denn auch wenn man die Wahrheit kennt, kann man sie möglicherweise nicht mehr beweisen. Man sollte auch bedenken, dass die Wahrheit nicht immer ruhen kann und unsere Zukunft begleitet.