Ein Hauch von Russland - politische Entwicklungen durch die Fernbrille!
Warum schreibt ein amerikanischer Schriftsteller, der keine russischen Wurzeln hat oder die russische Sprache spricht oder Historiker wäre, über das Russland in der beginnenden Sovjetzeit? Der Roman erzählt von einem aus der Zeit gefallenen Grafen, der natürlich im Arbeiter- und Bauernstaat des aufstrebenden Kommunismus, nichts zu sagen hatte, eigentlich untergehen hätte müssen. Stattdessen rettet er sich über viele unwirtliche Sovjetrussland-Jahre, weil er eingesperrt im Nobelhotel Metropol im Dachgeschoss seine Zeit fristen darf.Nun Amor Towles scheint die Idee bei mehreren Aufenthalten in Luxushotels in der Schweiz bekommen zu haben, wo er wiederholt dieselben Leute antraf. Das Thema Hausarrest ist aber ein typisch russisches Phänomen, das es schon zu Zarenzeiten gegeben hat und so transportierte er die Handlung nach Russland. Vielleicht macht genau das den Roman so charmant und leichtfüssig, es gibt keine persönliche Bitterkeit oder sogar politische Agenda des Autors.Es ist als ob Towles die berühmten Zeilen des persischen Sufi-Mystikers 'Rumi' gelesen hätte und in diesem Roman zum Leben erweckt:"Sei nicht hoffnungslos, halte Hoffnung, o Herz! / Im Verborgenen liegen viele Wunder, o Herz! / Soll die Welt es auf dein Leben abgesehen haben, lass des Freundes Rock nicht los, o Herz."Und wir Leser leben mit dem Grafen zwar das Leben eines Eingesperrten, allerdings in einem komfortablen Luxushotel, wo es immer auch wieder Arbeiten gibt, die der Graf gerne bereit ist, kostenlos zu unterstützen. Überdies sehen wir mit seiner Innensicht dennoch auch, was sich im Draussen abspielt, denn es kommen Freunde zu Besuch und andere Personen, die draussen aus und ein gehen, verkehren mit ihm auf freundschaftlicher Basis. So erleben wir, wenn auch durch die Fernbrille, wie die Leute immer mehr den Sowjet-Manövern ausgeliefert sind - selbst wenn sie Anfangs glühende Verehrer des Systems sind. Auch die Freunde des Grafen gehen und verwehen - aber ihm bleibt oft ein weiterer Grund, sich ins Leben einzubringen. So wird er auch für die Erziehung eines Kindes verantwortlich, als die Mutter dem in den Gulag geschickten Mann folgen möchte.In der Stille des Hotels werden also Freundschaften geschlossen, Liebesbeziehungen begonnen, Arbeitsverhältnisse gestartet, Kochkünste und Weindegustationen zelebriert - und immer wieder zeigt sich auch die kommunistische Welt, weil Parteileute die Etablissements des Hotels nutzen . Der Graf bleibt aber besonnen und kümmert sich um das Nahegelegene.Der Clou ist beinahe, dass ein hoher Sovjetfunktionär mit Namen Ossip Iwanowitsch Glebnikow (ist es nicht sogar Stalin selbst, der ja aus Georgien stammte und mit Vornamen Josip also Josef hiess und der Literatur und Kultur bewunderte, obwohl er selbst aus einfachsten Verhältnissen als Sohn eines Schusters stammte?) sich eines Tages in Privatstunden beim Grafen französisch und westliche Sitten beibringen läßt. Im völlig abgeschotteten Bereich einer streng bewachten Hotelsuite treffen sich die zwei, sehr respektvoll und die Lehrstunden finden über eine lange Zeit statt.Voller unerwarteter Wendungen ist das Leben des Grafen Rostov, so dass das Buch trotz 500 Seiten nie langweilig wird. Was in den 1920er Jahren begonnen hat, endet dann 1954. Eine Zeit des Umbruchs auch in Russland, als nach dem Tode Stalins 1953 ein Machtkampf über die Nachfolge entsteht. Der Graf, diesmal mitten drin im Geschehen, weil er als Oberkellner gewisse Einblicke in die sich positionierenden Anwärter der Nachfolge (hier mit tatsächlichen Namen benannt als Chruschtschow und Malenkov bzw. Beria) erkennen kann und diese Information nutzt, um sowohl für seine Ziehtochter als auch für sich selbst einen günstigen Augenblick zu nutzen.Ein wunderbares Buch von Anfang bis Ende - voller Menschlichkeit und Philosophie und Konzentration auf Ort und Zeit. Ein herausragender aktueller Schriftsteller.