Mein geheimes Leben ist ein monumentales Dokument der viktorianischen Untergrundliteratur: eine in autobiographischer Form angelegte, freimütige Chronik sexueller Erfahrungen, Begierden und gesellschaftlicher Doppelmoral. Hinter der scheinbar privaten Beichte entfaltet sich ein kulturhistorisches Panorama des 19. Jahrhunderts, in dem Klassenverhältnisse, Geschlechterordnungen und moralische Tabus sichtbar werden. Der Stil verbindet nüchterne Protokollhaftigkeit mit obsessiver Detailfülle und macht das Werk zugleich zu einem literarischen Grenzfall zwischen Memoir, erotischer Fiktion und sozialer Beobachtung. Der Autor blieb anonym; häufig wird er unter dem Pseudonym "Walter" geführt. Gerade diese Verborgenheit ist für das Verständnis des Textes zentral: Sie verweist auf eine Epoche, in der Sexualität öffentlich verdrängt, privat jedoch minutiös registriert wurde. Die mutmaßliche Herkunft des Verfassers aus gebildeten, wohlhabenden Kreisen erklärt den weiten sozialen Aktionsradius des Erzählers und seine zugleich privilegierte wie widersprüchliche Perspektive. Empfohlen sei dieses Buch nicht als bloße Kuriosität, sondern als aufschlussreiche Quelle für Leserinnen und Leser, die Literatur-, Sexual- und Mentalitätsgeschichte ernsthaft erkunden möchten. Wer bereit ist, problematische Haltungen historisch einzuordnen, findet ein außergewöhnliches Zeugnis über Begehren, Macht und Geheimhaltung.