Interessant, spannend, kurzweilig und lehrreich
Das Büchlein ist dünn, 192 Seiten gerade mal (und da sind Illustrationen dabei). Der Inhalte entspricht dem gänzlich sachlichen und unreißerischen Titel. Eine Frau erlebt die Polarnacht. Die Nacht ist jene von 1934 und die Frau die Autorin Christiane Ritter, eine österreichische Künstlerin, die ihrem Mann, der als Pelzjäger und Fallensteller auf Spitzbergen unterwegs war, in die Arktis folgte und dort - an der abgelegenen Nordspitze des Archipels - in einer primitiven, winzigen Hütte aus Treibholz, Blech und Dachpappe gemeinsam mit dem norwegischen Jagdgehilfen Karl bis zum kommenden Frühjahr überwinterte. Das Büchlein fixiert sich nicht so sehr auf das Abenteuer und die Technik des Überlebens, sondern gibt den Naturbeobachtungen breiten Raum und reflektiert auch viel darüber, wie die Einsamkeit und die extremen äußeren Bedingungen die menschliche Seele kneten und verändern. Auch für jemanden, der mit dem ganz hohen Norden nicht viel anfangen kann (wie ich) liest sich das hochinteressant und anregend, die Icherzählerin idealisiert nichts und sie klagt nicht, sie lässt einen auf sympathische Weise teilhaben an dieser langen, kalten, stürmischen Nacht, der die Menschen nur verzweifelt wenig entgegenzusetzen haben, weil ihnen nur das zur Verfügung steht, was sie auf dem einzigen Schiff des Sommers mitgebracht haben und, was Überwinterer vor ihnen zurückließen.Für mich hätte das Buch gerne dreimal oder viermal so lang und ausführlich sein dürfen. Nicht für mehr Jagd- und Verirrungsaufreger, sondern weil mich tatsächlich ein paar Dinge interessiert hätten, die uns die Autorin verschweigt. Was aß die Gruppe, als die verzweifelten Jäger im Packeis über Wochen nichts vor die Flinte bekamen? Wo doch Fleisch die einzige Vitaminquelle ist? Kamen schon Skorbutzeichen? Auch die ebenso banale wie intime Frage bleibt offen, was man macht, wenn man muss und draußen ist Schneesturm und minus drölfzig Grad. Hat man einen Nachttopf? Gemeinsam für drei? In einer Hütte von weniger als zwanzig Quadratmetern? Verliert man unter diesen Umständen das Ekelgefühl, das mich treibt, wenn ich nur dran denke? Und was tut Frau unter diesen äußeren Bedingungen, wenn die Periode kommt? Wäschewaschen geht nicht (sie schreibt, wie sie es unter besseren Bedingungen mal unternimmt, die Wäsche im eiskalten Bach zu spülen)? Wegwerfprodukte sind noch nicht erfunden oder haben keinen Platz im Gepäck (nur ein Rucksack voll war die Maßgabe bei der Abreise!). Ganz davon zu schweigen, wie es ein Ehepaar und ein junger Mann (und alle anderen da draußen ebenso) zusammengepackt auf engstem Raum mit der Libido halten? Friert jedes Interesse, jede Lust da mit ein? (Wenn ja, wieso sind die Inuit dann nicht seit Jahrzehntausenden ausgestorben?)Eine Menge mehr wäre also noch zu berichten gewesen von diesem denkwürdigen Winter auf Spitzbergen, aber auch so ist das Büchlein ebenso lehrreich wie kurzweilig und auch einfach schön zu lesen. Und es gewinnt seinen besonderen Reiz als Sommerlektüre, wenn man unter der Mittelmeersonne liest, wie klirrend kalt und elendsdunkel es ganz knapp unterm Pol werden kann.