Das Handlung ist aus meiner Sicht raffiniert aufgebaut: Zuerst begleitet man die junge Ye Wenjie in der Sechzigern auf ihrem Weg in eine geheime Militärbasis, dann springt man in die frühen Zweitausender zu Wang Miao, der in die rätselhaften Selbstmorde von Wissenschaftlern verwickelt wird und im Zuge dessen einer alten Ye Wenjie begegnet. Stück für Stück wird klar, was in der Zwischenzeit geschehen ist und wer welche Ziele verfolgt. Ye Wenjie ist ein faszinierender Charakter. Von der Ausgestoßenen, die mit 14 Jahren mit ansehen muss, wie ihr Vater von fanatischen Studenten totgeprügelt wird, wird sie zur genialen Wissenschaftlerin, trifft skrupellose Entscheidungen und bringt einen Prozess ins Rollen, der am Ende ihre eigene Tochter in den Selbstmord treibt.Gepackt hat mich auch das Gefühl für die schiere Gewalt und Größe des Universums. Wenn Wang Miao von unerklärlichen Phänomenen geplagt wird oder im Computerspiel einer riesenhaften Sonne gegenübersteht, vermittelt das eine unsichtbare Bedrohung, als würde der Sternenhimmel selbst einen beobachten. Der Mensch ist winzig und unvorstellbaren Kräften im Weltraum ausgeliefert. Schade fand ich nur, dass Wang Miao als Protagonist und Peking als Handlungsort sehr blass bleiben. Wang Miao ist eher ein Werkzeug, um die Geschichte aus der Gegenwartsperspektive erzählen zu können und ein Stellvertreter für den Leser. Beim Lesen fühlt man sich, als würde man sich durch eine Geisterstadt bewegen, in denen man nur sehr wenigen Leuten begegnet. Andererseits erzeugt das eine gespenstische Atmosphäre. Das Computerspiel um die Welt von Trisolaris wirkt viel greifbarer als die echte Welt.Was mir besonders gut gefallen hat:Ye Wenjie lernt als Jugendliche die Kulturrevolution kennen. Das Böse besteht für sie aus hemmungsloser Gewalt, Ideologie und der Ablehnung von Wissenschaft. Als sie also eine Nachricht von einer technisch überlegenen Alien-Zivilisation erhält, nimmt sie an, dass diese Zivilisation den Menschen auch moralisch überlegen sein muss. Sie kommt nicht auf den Gedanken, dass eine Zivilisation, die mit der ständigen Bedrohung durch drei Sonnen konfrontiert ist, eine andere, kalte Grausamkeit kultiviert haben kann, um zu überleben. Am Anfang liest Ye Wenjie das Sachbuch "Der stumme Frühling", das davon handelt, wie die Schädlingsbekämpfung mit Pestiziden die Umwelt zerstört. Dieses Schlüsselerlebnis prägt ihrer Vorstellung von der bösen Natur des Menschen. Und am Ende wird die Klammer geschlossen, als die Trisolarier die Auslöschung der Menschheit damit rechtfertigen, dass die Menschen im Vergleich zu ihnen nichts als Ungeziefer seien, das ausgerottet werden muss, um Lebensraum für die Trisolarier zu gewinnen. Ich mochte auch die Parallelen zwischen Ye Wenjie und Lauscher 1379, die beide ihre Spezies verraten, weil sie von ihrer Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden und der Ansicht sind, dass die jeweils andere Spezies es eher verdient hat, auf der Erde zu leben. Insofern schlägt Liu hier eine Brücke zwischen der Frage, wie Gesellschaften mit ihren eigenen Mitgliedern umgehen zu der Frage, wie sie mit anderen Gesellschaften umgehen.Insgesamt hat mich das Buch mit seiner unbestimmten, leicht beunruhigenden Atmosphäre absolut gepackt. Es geht um die Fragen, wie Menschen reagieren, wenn sie von der Existenz von Außerirdischen erfahren, was Zivilisationen lebenswert macht, und wie unsere Wahrnehmung des Bösen unsere Vorstellung formt.